Monatsarchiv für Januar 2009

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Mittwoch, den 28. Januar 2009

geschrieben von: Stefan Heuer

am Montag, 19. Januar 2009

Die Erstgeborenen haben eine schöne Stimme

Die neue Reihe der Fixpoetry-Lesehefte, vorgestellt von Stefan Heuer.

Vor fast drei Wochen hat die Welt das neue Jahr feierlich begrüßt. Nur eine Woche zuvor die großen Geburtstagsfeierlichkeiten zu Ehren des Heilands. Und auch im lyrischen Bereich stand zum Ende des vergangenen Jahres eine Geburt ins Haus – von nicht ganz so religiös-globaler Bedeutung vielleicht, jedoch eindeutig zu wichtig, um sie im Sog der Finanzängste und des Ge-schenkeumtauschens untergehen zu lassen: (die ersten) Drillinge im Hause Fixpoetry, zu denen man den stolzen Eltern nur gratulieren kann. Drei Mädchen sind es, allesamt in ein einheitliches Erscheinungsbild gekleidet, einem alten Schulheft nachempfunden, in graphisches blau-braunes Buchstabenmeer gehüllt und per Aufkleber betitelt. Äußerlich durchaus eineiig, aber sind sie sich auch inhaltlich ähnlich – oder sind sie so verschieden, wie es Geschwister manchmal sind?

Da ist Andrea Karimé, die mit ihrem Band alif be, das Klangfell haart sich die neue Reihe eröffnet. Ihre Zeilen verströmen Musikalität und laden dazu ein, die Gedichte laut zu lesen – ohnehin dem Verständnis zuträglich, da Karimé bei den meisten Gedichten auf nahezu sämtliche Satzzeichen verzichtet. Besonders gelungen sind ihre „Gedichte zu neuen Jahren“, die sie für die Jahre 2001–2008 verfasst hat; ein jedes wie eine aus Wünschen und Hoffnungen geformte Be-schwörung:

2001

Treib, Engel
treib.
Glanzwärts, wild.
Sprüh deinen Stern
und rufe
über das Jahr

Das zweite Kind zeigt bereits früh seine Vorliebe für den genauen Blick auf das Wort und die Möglichkeit, alltägliche Begebenheiten so auszuleuchten, dass sie in einem neuen Licht erschei-nen. Julia Mantel nutzt Sprich- und sonstige geflügelten Wörter, um sich selbst in ihrer Umge-bung, in der sie umgebenden Gesellschaft zu positionieren; der ganz eigene Blick auf das, was für alle zu gelten scheint. Sehr persönlich, wie sie die Rückkehr in ihren dörflich geprägten Hei-matort beschreibt: „ ich bin wieder zurück / und kreuze die finger / unter eurem tisch.“ – aus „erdbeerprinzessin“. So bitter, dass man fast schon wieder lachen muss, ist das kürzeste Gedicht des Bandes:

doppelbelastung einer illegalen putzfrau

ständig
boden

ständig
hoden

Dass die Mutter bei Band 3 ihr eigenes Kind ist, mag einige verwirren, manche werden auch sagen, dass es sich nicht gehört, in der „eigenen Reihe“ zu erscheinen, und dann noch so „früh“. Darauf ein von Herzen kommendes „Schmarrn!“ – sollte auf Fixpoetry-„Chefin“ Julietta Fix als Autorin verzichtet werden, wenn ihre Gedichte in das Schema der Reihe passen? Na eben!

Es ist eine sehr prosaische, von Melancholie geprägte Lyrik, es sind sehr leise Töne, mit denen Julietta Fix ihre Vergangenheit zum Klingen bringt. Rückschläge scheinen ihr nur wenig angehabt haben zu können, die Gedichte erwecken den Eindruck, als hätten zahlreiche Stürze sie dazu angestachelt, noch mutiger vom Garagendach zu springen:

tief im Raum knie ich
verneige mich vor dem Mond
der je länger ich knie um so eckiger wird
ich knie, ich knicke nicht.

Dass sich in den jeweiligen Heften keinerlei Angaben zu den Autorinnen befinden, dürfte zum Konzept dazugehören und dazu einladen, die umfangreiche Homepage (www.fixpoetry.com) zu besuchen, auf der nicht nur in zahlreichen Autorenporträts, sondern auch in Rezensionen, Podcast und Forum gestöbert werden kann.

Ich wünsche eine gesunde Kindheit und langes Leben!

stefan heuer

frankfurter neue presse

Freitag, den 9. Januar 2009

08.01.2009 Kultur

Zwischen Gefühl und Analyse

Kurze, prägnante Gedichte mit überraschendem Witz schreibt die in Frankfurt lebende Lyrikerin Julia Mantel, von der in einer neu eingerichteten Reihe, «Fixpoetry», nun eine kleine Auswahl vorgelegt wird. Sehr nüchtern, doch verspielt, genau hinsehend gelingt es der jungen Autorin, schlingernd zwischen Gefühl und Analyse, Momentaufnahmen hervorzubringen, die Anteil nehmen lassen an den romantischen und doch klaren Zuständen, die uns aus dem Grau des Tagaus-Tagein herauszuheben vermögen. Oft mit doppeltem Boden sind diese präzisen Texte angereichert, wie etwa in «friedhof der kuscheltiere»: «du liegst neben mir / in alle winde verstreut // der fernseher läuft leer / und wird stumm // ich drücke mein gesicht / im aschenbecher aus // auf dem balkon / selbstverständlich // damit es dich nicht stört.» Selbstverleugnung und Ichsuche, Formen von Traurigkeit und Verlorenheit bilden die Eckpfeiler ihrer Texte, wobei sie sich die Freiheit des Reimens oder des freien Verses unbekümmert nimmt. Gut, dass die deutsche Literatur solche Talente vorzuweisen hat.HH

Julia Mantel: «New Poems». Verlag im Proberaum 3, 24 S., 6.90 Euro

www.fnp.de/fnp/welt/kultur/rmn01.c.5446578.de.htm