Monatsarchiv für November 2011

Faust-Gespräch mit Bernd Leukert

Tuesday, den 22. November 2011

Mit Julia Mantel sprach Bernd Leukert.

B.L.: Wer Gedichte schreibt, will etwas anderes, als mit Prosa zu erreichen ist. Gedichte bieten Möglichkeiten, die die anderen Entäußerungen nicht bieten.

J.M.: Ich glaube, Dichtkunst ist Konzentration auf das Wesentliche. Prosa arbeitet mit Personen, entwickelt einen Handlungsstrang. Lyrik ist für mich eher wie eine Form eingefrorener Momente, man nimmt die Realität und skizziert sie.

B.L.: Ja, den Eindruck machen Ihre Gedichte auch: Schnappschüsse der Realität bzw. ein bisschen mehr natürlich. Denn wenn es nur die Realität wär’, dann wäre es ein bisschen wenig. Dahin wollte ich auch mit meiner Frage: Es muss mehr sein. Aber was ist das Mehr?

J.M.: Ich glaube, das Mehr ist, dass man die Realität eben nicht eins zu eins abbildet, sondern dass man neue Sichtweisen miteinander kombiniert, Worte neu zusammensetzt und arrangiert – so entsteht ein Gedicht, das mit dem Leser kommunizieren kann.

B.L.: Sie wählen das Neue aber. Das heißt, es muss …

J.M.: Das ist ja der subjektive Blick des Dichters. Das Gedicht kommt zu einem in irgendeiner Weise, man reagiert vielleicht auf ein Wort oder einen Satz, möchte eine Begegnung, einen Moment, einen Gedanken festhalten. Man feilt eine Weile daran herum, und wenn man dann das Gefühl hat, mit dem Bild fertig zu sein, lässt man es stehen.

B.L.: Also es gibt Kriterien für das, was einen „anspringt“. Aber das kann man nicht unbedingt verbalisieren. Vielleicht kann man stattdessen sogar mehr verbalisieren – ich spreche nur von ‚mehr’; ich glaube nicht, dass man es wirklich erklären kann, aber man kann sich vortasten – was das ist, wo man hin will, als eine Ebene, eine Möglichkeit, die nicht alltäglich ist. Lässt sich das beschreiben?

J.M.: Ja. Ich glaube, man muss, um sich zu verbessern, am Wort arbeiten. Die eigene Sprache ändert sich am besten und ist am inspiriertesten, indem man selber viel liest. Ich bin zum Beispiel ein großer Thomas-Brasch-Fan. Den lese ich immer wieder gern und bin aufs neue überrascht bzw. berührt. Und irgendwie hat man mit der Zeit schon, denke ich, einen eigenen Ton gefunden. Es gibt ja Leute, die schreiben nur lustig oder nur ernst oder nur abstrakt oder, wie Oskar Pastior, ganz …

B.L.: Das ist eine rumänische Groteske

J.M.: … oder nur grotesk eben. Und ich glaube, dass mich so etwas wie eine gewisse Form von Lakonie schon sehr interessiert.

B.L.: Das ist der Tonfall. Der Tonfall kann in seiner Tendenz nach unten weisen. Es gibt eine Reihe von Dichtern, die Elemente der Wirklichkeit greifen, die womöglich etwas Metaphysisches haben. Dann entzaubern sie das Metaphysische und landen sozusagen auf dem Boden. Und zwar permanent. Und es gibt die umgekehrte Bewegung, in der man den Sachverhalt aufnimmt – vielleicht auch anhand von Fundstücken, Wortspielen, was wie auch immer im Kopf sich auf eine ungewöhnliche Weise verlinkt: Die Tendenz ist aber, nach den Wolken zu greifen oder nach dem Himmel, nach den Sternen.

J.M.: Also eher so eine verträumte Herangehensweise …

B.L.: Nein, das meine ich nicht. Das wäre ja verklärend, verträumt, – Träume werden ja oft benutzt, weil sie sehr fruchtbar sind für das, was ich meine. Es ist ein Greifen nach den Zwischenbereichen. Die Zwischenbereiche können auch im Alltag sein, weil wir mehr fühlen und erspüren, als wir in unserer Umgangssprache, die ja regulierend ist, überhaupt ausdrücken können. Ich denke, eine der Aufgaben des Dichters ist es, genau diese Zwischenräume zu finden und zu evozieren.

J.M.: Ein gutes, vielleicht auch zeitloses Gedicht kann immer wieder gelesen werden und gibt dem Leser immer wieder Rätsel auf. Das finde ich an einem Gedicht sehr interessant, wenn es auf unterschiedliche Weise interpretierbar ist. Und gerade durch bestimmte Zeilenumbrüche entsteht ja so etwas immer wieder.

B.L.: Das nehme ich als Stichwort. Manchmal gibt es Umdeutungen durch den Zeilenbruch. Aber bei einigen Ihrer Gedichte merke ich, dass das keine Umdeutung zur Folge hat, sondern dass der Zeilenbruch nach dem ‚und’ kommt. Da ist ein Schnitt, der durch den formalen Zeilenbruch willkürlich gesetzt ist. Und er hat keine Folgen.

J.M.: Manchmal passt es dann einfach in die Strophe. Hier zum Beispiel, bei „Frankfurt am Main“, sind die Zeilenbrüche so gesetzt: dieselben/ straßen dieselben gesichter/ haben falten bekommen wen/ kennt man schon richtig im/ vorübergehn oder: im vorübergehn sesshaft/ geworden.

B.L.: Ja. Das ist klar. Es gibt Zeilen, wo mit den Schrägstrichen zusätzliche Brüche eingefügt sind. Warum der doppelte Zeilenbruch?

J.M.: Mit den doppelten Zeilenumbrüchen möchte ich etwas Hartes, etwas Abgehacktes visualisieren bzw. verständlich machen. „Tau” zum Beispiel ist gar kein weiches Gedicht, das ist schon fast Stakkato.

B.L.: Mir ist aufgefallen, dass Sie sehr oft ein Gedicht mit der Geste des Deckelzumachens abschließen. Da kommt noch etwas hinterher, ist mein Eindruck. Da wird etwas beschrieben, aber es wird nicht offen gelassen, sondern zugemacht.

J.M.: Aber das ist doch eigentlich gut!

B.L.: Ich kritisiere das nicht. Ich stelle fest: Das ist offensichtlich ein Bedürfnis und keine Konvention, so wie beim Sonett die Summa der letzten Strophe konventionell ist. Bei Ihnen schließt das Finale nicht unbedingt das Thema ab, sondern öffnet noch einen Nebenausgang …

J.M.: Zum Beispiel heißt es in „Munich voreilig“: wenn es weiter nichts ist/ das uns fehlt. Das ist ein offenes geschlossenes Ende.

B.L.: Wir haben schon gesprochen über den Aspekt des Kurzen, des Augenblicks, der da festgehalten wird. Manchmal ist es auch wie in „zwischenbilanz, authentisch” eine etwas bittere Zwischenbilanz.

J.M.: Da muss ich Ihnen absolut widersprechen. Für mich ist das ein sehr, sehr positives Gedicht und weit von jeglicher Bitterkeit entfernt.

B.L.: Und doch bilanziert es: Jetzt hat alles seine Ordnung, und alles ist geschlossen.

J.M.: Ja, aber am gemeinsamen tisch/ wird immer gut gegessen/ aus jeder verlegenheit/ irgendwie gelernt. Das mutet doch eher heimelig an, als wäre man irgendwie angekommen.

B.L.: Und doch, wenn ich das mal polemisch sagen darf: Es hat was von betreutem Wohnen. Die Szene beschreibt den Endpunkt einer Entwicklung. Wo vieles vorher offen war, der Ausbruch möglich und der Ausbruch möglich war, also das wilde Leben möglich war, da ist man jetzt plötzlich familiär eingeschlossen. Alles ist gesichert, alles hat seinen Platz, und alles ist gut. Punkt. – Also, es ist ein bisschen auf der Kippe. So habe ich es empfunden.

J.M.: Nein, absolut: nein. Zum Glück gehört auch das „sich-einrichten“; zu gucken, was man hat, dankbar dafür zu sein und einfach das beste daraus zu machen. Man liebt und vertraut den Menschen, die man für integer hält und an die man glaubt. 5-7 Freunde zu haben, das empfinde ich tatsächlich als Luxus, ein Dach über dem Kopf, ein gutes Gespräch bei einem Glas Wein, wundervolle Geschwister usw.! Wenn das Glück dann für ein paar Jahre anhält, dann kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass man irgendetwas im Leben richtig gemacht hat.

B.L.: Mit den anderen Gedichten ist mehr der Augenblick erfasst wie ein Schnappschuss, mitten in der Bewegung. Da ist kein Bedürfnis nach „Werk“ zu spüren. Der Werkcharakter ist nicht ausgeprägt. Ist das richtig?

J.M.: Ich habe ja teilweise, wie „im auto vor dem haus“, längere Gedichte geschrieben. Aber ich glaube, für mich ist momentan noch die Verknappung besser. Für mich ist das einfach die richtige Form.

B.L.: Gibt es eine Tradition, in der Sie sich sehen?

J.M.: Ich glaube, dass mich Kurt Drawert sehr geprägt hat. Ich bin ja seit vielen Jahren in seiner Literaturwerkstatt. Das ist übrigens ein Mann mit einem brillanten Zeilenumbruch. Aber ich bin mehr auf dem Weg, meine eigene Sprache zu finden. Ich weiß nicht, wo ich in fünf bis zehn Jahren sein werde, ob ich dann immer noch Gedichte schreibe oder vielleicht Kurzprosa. Ich weiß nur, – Fixpoetry hat mich zweimal publiziert, ohne mich zu kennen; die sind ja in Hamburg, haben mich nie gesprochen, nie gesehen, gar nichts. Sie haben mich gefragt. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass meine Gedichte die Leute berühren oder zumindest stutzig machen. Faust-Kultur kannte mich auch kaum und publiziert meine Lyrik kontinuierlich. Das zeigt mir einfach, dass ich auf einem guten Weg bin.

B.L.: Nun will ich die Anfangsfrage noch einmal anders stellen. Als Sie anfingen, Gedichte zu schreiben, was war der Impuls dafür?

J.M.: Der Impuls kam – das ist jetzt sehr privat – aus einer Trennung heraus. Damals gab es noch kein Internet. Mein damaliger Freund lebte in New York, wir haben uns extrem viel gefaxt. Plötzlich waren da trotzdem noch so viele Worte übrig. In diesem Moment habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben und das Bedürfnis entwickelt, mich mit anderen Menschen zu vernetzen, die auch Lyrik schreiben. Meine erste Station war dann das Hessische Literaturforum im Mousonturm. Schließlich hatte ich meine ersten Lesungen. Immer mehr Menschen waren interessiert, und so bin ich dabei geblieben. Noch habe ich mich nicht großartig für Preise oder Stipendien beworben, einfach weil ich gar nicht so karrieristisch denke, aber immerhin ist über mich schon in der Nähe von Bielefeld eine Staatsexamensarbeit geschrieben worden. Mich befriedigt die Auseinandersetzung mit Lyrik sehr. Ich finde es interessant, dass Menschen versuchen, sich auf eine relativ intime Weise auszudrücken. Kaum ein Lyriker kann in Deutschland von seinen Gedichten leben, und trotzdem ist vielen die Arbeit am Gedicht so wichtig.

B.L.: Aus all dem, was Sie gerade gesagt haben, entnehme ich, dass Sie eigentlich sehr identisch sind mit dem, was Sie schreiben. Die Frage ist, wie die Distanz aussieht zu dem Kunstobjekt, das das Gedicht auch ist. Wie viel also nimmt man von sich, und wie viel gibt man den ästhetischen Erfordernissen des Gedichts?

J.M.: Ich kann mir schon vorstellen, dass, je länger man schreibt und je älter man wird, das immer entpersönlichter wird. Ich glaube, in dem Moment, in dem man sich nicht mehr so wichtig nimmt, können die Dinge abstrakter und vielleicht auch konsequenter werden oder auch allgemeingültiger. Ich schreibe eigentlich immer in Sekundenschnelle, und feile dann noch ein bisschen daran herum. Aber ich weiß eigentlich immer sofort, ob es gut ist oder nicht. Ich finde Lyrik so eine tolle Form, weil sie Leben in wenig Platz und Raum konzentriert. Ein anderer Aspekt ist, sie kostet nichts, wenn man sie schreibt. Das kann man überall machen. Wenn man etwas hat, das einen wirklich leidenschaftlich erfüllt – und das ist bei mir mit der Lyrik schon so – dann kann einen das durch das ganze Leben tragen. Dichten hat nichts mit Eitelkeit zu tun, Schreiben wirft einen vielmehr auf sich selbst zurück, man kann es nur alleine machen, in einer tendenziell einsamen Situation.

Faust-Kultur

Tuesday, den 22. November 2011

Das Wort Lakonie leitet sich von den Lakoniern ab, die in der Antike im östlichen Süden des Peloponnes zu Hause waren. Nach ihrem Zentrum, dem Stadtstaat Sparta, werden sie gerne pauschal Spartaner genannt. Ihre unsentimentale, mitleidlose Haltung und ihre verknappte Ausdrucksweise wurden uns später als literarischer Stil überliefert. Julia Mantel, zu Füßen des Taunus aufgewachsen, pflegt in ihren Gedichten diese Lakonie, die sie mit Wortspielen und –umdeutungen zu einem Personalstil formt. Dabei bekleidet der aphoristische Tonfall oft den melancholischen Kern der Aussage, wie in „strandnotiz 2004“: bis zum horizont/ legt sich das meer/ in dauerwellen/und auch ich/ befände mich gern/ unter der haube. Julia Mantel ist das Epische fremd. Ihre Gedichte sind gesammelte Augenblicke, die mit reduziertem Vokabular Einblicke in eine Befindlichkeit zwischen den Gewissheiten erlauben. Und selbst, wenn sie sich ganz dem Bedeutungsspiel der Worte überlässt, ist ihr Zugriff darauf von der eigenen Erfahrung geleitet: Von Hoffnung und Verzweiflung erzählen ihre zusammengesteckten Notate, auch wenn das Ich fehlt. Und doch kommen sie so undramatisch und trügerisch leicht daher, dass der Widerspruch zwischen Form und Inhalt selbst als poetische Aussage mitgelesen werden muss. Lakonie ist eben nicht nur spartanisch. Bernd Leukert

Kreuzwort in Berlin

Thursday, den 17. November 2011

Kreuzwort am 28.11.:

KREIPE, MANTEL, ROLOFF & STEINBRÜCK

Okay, das dürfte den meisten nun schon klargeworden sein über unsere Lettrétage-Übernahme, aber: Letztens erst wurde unsere scharmante kleine Lesereihe ein Jahr alt. Yay us! Mittlerweile sind wir schon bei der dritten Location angekommen, dem bezaubernden Damensalon in der Reuterstraße 39. Wie wir eigentlich dort hingekommen sind? Mit der U8 über die Stationen Schönleinstraße oder Hermannplatz, bei größerer Abenteuerlust haben wir die Busse 194 oder M29 genutzt. Carolin kann sogar bequem zu Fuß laufen, was allerdings bei der Wahl dieser schönsten der schönen Kreuzköllner Kneipen nicht ausschlaggebend war.

Jedenfalls werden wir am 28.11. erneut dort aufschlagen und begrüßen ab 20h freudigst euch und außerdem zwei alte Bekannte sowie zwei neue Gesichter, die mitsamt ihren Körpern aus dem eventuell ja okkupierten Frankfurt am Main einreisen! Lutz Steinbrück war schon am 11.10. bei uns und verkaufte mir damals seinen ersten Lyrikband mit Widmung für seine Oma („…dies ist nun meine Dichtersprache … es ist eben alles sehr modern!“) und gut einen Monat später gab sich Birgit Kreipe am 08.11. bei uns (damals noch im Schatzi Neuberg) die Ehre. Ihr zweiter Lyrikband ist grade in Arbeit – vielleicht nimmt sie ja Vorbestellungen entgegen, sollte jemand mit einer persönlichen Widmung seiner oder ihrer Großmutter eine Freude bereiten wollen. Wir freuen uns auch sehr über Marcus Roloff und Julia Mantel, die extra aus Frankfurt anreisen werden, um bei uns zu lesen – eine Gelegenheit, die sich selten auftut.

Deswegen 3€ Eintritt und etwas Nostalgiebereitschaft sowie Entdeckungslust einpacken und sich am 28.11. in den Damensalon begeben, um dem finanzmetropolitanen Stoffwechsel (Stoff… Textilien… Text…, ihr wisst schon) mal hautnah zu erleben.

Birgit Kreipe

geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen, lebt in Berlin.
Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)
Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg.
Im Winter 2011/12 erscheint „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin
Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13″

löwen

 
schaumkronen des windes, geflügelt
ihr hierhier in der mündung nordost

antwort auf die wiederholte
frage des meers: wo ist der strand?

 
letzter zuruf für taucher und träumer
zwischen boje und windpark gespannter

anker für boote und wolken
schweben von blau zu blau

magie für bäume im hinterland
die verstreut vom wasser träumen

 
gespielt auf dem gras, auf dem dünenkamm
heute die antwort für die, die das meer suchen.

Julia Mantel

jahrgang 1974, studium der angewandten kulturwissenschaften in lueneburg, 
seit 2000 konzentration auf lyrik, teilnahme an der textwerkstatt darmstadt unter der leitung von 
kurt drawert, zahlreiche publikationen in anthologien, regelmaessige lesungen bundesweit.

lebt als autorin, strickkuenstlerin und sprecherin in frankfurt am main.

www.unvermittelbar.de

letzte veröffentlichung:
„dreh mich nicht um“

mit illustrationen von petrus akkordeon

fixpoetry-verlag/ hamburg 2011

für thomas brasch

streich mir das haar
aus der stirn,

ich habe bretter
vorm kopf, die
die welt bedeuten,

berühre mich dort,
wo ich nie gewesen bin.

Marcus Roloff

geboren 1973 in Neubrandenburg (DDR), lebt als Lyriker und Übersetzer in Frankfurt am Main. Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Kulturwissenschaft an der HU Berlin. Literarische Veröffentlichungen seit 1997, zuletzt u.a. in „Neue Rundschau“, „wespennest“, „Lyrik von JETZT zwei“, „alles außer Tiernahrung“ und „Jahrbuch der Lyrik 2011″. Im Herbst 2010 erschien im gutleut verlag Frankfurt/M. sein dritter Gedichtband „im toten winkel des goldenen schnitts“.

balcke + heym

überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.

Lutz Steinbrück

geboren 1972 in Bremen. Studierte Germanistik und Anglistik in Oldenburg/Niedersachsen. Seine Magister-Arbeit „Fremde Heimat“ über Vechta in der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns erschien 2007 im Oldenburger BIS-Verlag. Seit 2004 lebt er in Berlin. Schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Band „Nördliche Gärten“. Im September 2008 erschien sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt: Perspektiven“ im Lunardi Verlag (Berlin). Sein zweiter Gedichtband „Blickdicht“ folgte im März 2011 im Verlagshaus J. Frank (Berlin). Einzel-Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften (u.a. Poet, Ostragehege, lauter niemand, randnummer), in Anthologien (u.a. Deutscher Lyrikkalender 2011, Versnetze 3) sowie in Online-Portalen (u.a. Poetenladen, Fixpoetry, Lyrikmail). Nominierung für die 2.Lesung des Münchner Lyrikpreises 2011.

„Steinbrück scheut sich nicht, gesellschaftliche Realitäten in ebenso klarer wie scharfer Sprache aufzugreifen und diese in einem Zerrspiegel ad absurdum zu führen: wir sind auf Kurs / und es ist an der Zeit / unter Deck aufzutauchen / um einzuschlafen. Eine Lyrik, die souverän ihrer eigenen Logik folgt und weit davon entfernt ist, in moralisierende oder agitatorische Banalitäten abzudriften. Kein selbstgewisses lyrisches Ich, kein Agitieren von einem sicheren Standpunkt aus. Stattdessen entwirft Steinbrück surrealistische Szenarios auf der Höhe der Zeit mit dichtem Blick auf das Alltägliche. Scheinbare Gewissheiten, die sich auflösen, Perspektiven, die gebrochen werden und pointierte Devisen, gerne als ironische Aufforderung zur Leichtigkeit, wenn es etwa heißt: bitte nehmen Sie / ihr Leben doch / nicht zu persönlich.“

Götterclique, geschlossen

Du traumhaftes Mikrofaserland
wo die Beatmung der Reisebusse stagniert
wird der mit dem längsten Steuerknüppel
Klassensprecher dieser Autobahn

macht noch immer in Trikot-Etagen
macht billig macht das sein Garten ein Turm wird
sein Schwager hat die Elbe neu designt
und leuchtet davon ohne anzuhalten

die Ausweisung der Wettkampfzonen
stimmen sie ab im Club eine Art von Heim
hier
hier bleibt die Kälte im Dorf

frankfurter neue presse über stricksalon/ museum für kommunikation: STRICKEN IST UNTERHALTSAM!

Monday, den 14. November 2011

Im Museum für Kommunikation klappern beim gemeinsamen Handarbeiten die Nadeln.Zum dritten Mal seit September lud das Museum für Kommunikation jetzt zum Stricksalon ins Café des Hauses. Das Begleitangebot zur Ausstellung “Do It Yourself – Die Mitmachrevolution” ist kostenlos. FNP-Mitarbeiterin Alexandra Flieth probierte es aus.

Sachsenhausen. Es macht ein leises, klimperndes Geräusch, wenn die Stricknadeln sich berühren und der Wollfaden zu Maschen verarbeitet wird. In einer Gruppe mit Strickbegeisterten ist dieses Geräusch noch viel intensiver wahrzunehmen – so mein erster Eindruck, als ich ins Café des Museums für Kommunikation (MfK) komme. Hier wird bereits emsig gestrickt. Sogleich werde ich von Julia Mantel (37) begrüßt, die den Stricksalon leitet: “Wir duzen uns hier alle”, sagt sie freundlich. Kein Problem, ich stelle mich vor – und ab so sofort ist das “Sie” für die nächsten drei Stunden aus meinem Wortschatz verbannt.

Schal-Fragment

Und natürlich möchte ich mitstricken. Mitgebracht habe ich die Anfänge eines pinkfarbenen Schals, an dem ich bereits seit mehr als einem Jahr arbeite. Zwar ist der Schal schon etwas länger geworden, aber bis er wirklich fertig ist, fehlt noch ein ganzes Stück. “Kannst Du stricken?”, fragt mich Julia Mantel. Na ja, von “Können” kann nicht die Rede sein: Ich weiß, wie man eine rechte und eine linke Masche strickt. Das muss für den Augenblick reichen, und ich sage es ihr. “Wenn Du Fragen hast, dann helfe ich Dir gerne”, bietet sie mir an. “Bei den ersten beiden Malen kamen vor allem Interessierte, die noch nicht stricken konnten. Dieses Mal ist es anders.”

Mit Erfahrung

Als ich mich umschaue, bemerke auch ich, dass die anderen Frauen wohl schon viel Erfahrung im Stricken haben. Meine Nachbarin, sie heißt Dagmar, verwendet keinen üblichen Wollfaden zum Stricken, vielmehr ist es eine Art Baumwollband, das schwer zu verarbeiten ist. “Sieht toll aus. Wird das ein Pulli?”, frage ich. Sie verneint. “Ich habe keine Lust mehr darauf, Pullover zu stricken. Davon habe ich in den vergangenen Jahren schon zu viele gemacht”, erzählt sie. Sie stricke seit 44 Jahren, habe es einst in der Grundschule gelernt. “In einem Workshop habe ich in diesem Sommer das ,Guerilla-Stricken‘ kennengelernt.” Gegenstände im öffentlichen Raum einzustricken gebe auf kreative Art und Weise die Möglichkeit, auf Dinge aufmerksam zu machen, die einen stören und die man gerne ändern würde. Und da solche Aktionen vorher nicht angekündigt werden, verrät mir Dagmar auch nicht, woran sie gerade strickt.

Schülerin Leonie (18) ist direkt nach dem Unterricht aus Heddernheim zum Stricksalon gekommen, hat hiervon bei einem früheren Besuch im Museum erfahren. “Stricken ist eine schöne Nebenherbeschäftigung, es ist beruhigend, und man kann sich nebenbei unterhalten”, findet sie. Dass es beruhigende Wirkung hat, bestätigt auch Teilnehmerin Johanna. Und gerade im Stricksalon lassen sich Kommunikation und Handarbeit gut miteinander verbinden. Da werden Tipps ausgetauscht, und die Zeit vergeht wie im Flug. Unterhalten sollte man sich aber nur, wenn man auch gut stricken kann. Sonst kann es passieren, dass man sich verstrickt – wie bei mir. Glücklicherweise hilft Julia Mantel aus der Klemme, mein Schal ist also nicht verloren. Der Stricksalon ist Teil des Begleitprogramms zur aktuellen Ausstellung “Do It Yourself” im MfK, in der die Vielfalt und die gesellschaftliche Bedeutung des “Selbermachens gestern und heute” thematisiert werden, insbesondere auch über die Möglichkeiten, die das Internet bietet. Er wird noch bis Februar jeden zweiten Freitag im Monat angeboten. Und wie kam Julia Mantel zum Stricken? “Ich fing damit an, als ich mit dem Rauchen aufhören wollte.” Kreatives Arbeiten ist ein wichtiger Teil in ihrem Leben. Sie studierte angewandte Kulturwissenschaften, schreibt seit vielen Jahren Lyrik, fotografiert und entwirft tragbare individuelle Strickunikate. Ihre Strickkollektion “Unvermittelbar” steht noch am Anfang. “Ich träume davon, eines Tages davon leben zu können”, verrät sie. Im aktuellen Stricksalon ist es ihr gelungen, den Spaß am gemeinschaftlichen Handarbeiten weiterzugeben. Ich bin jedenfalls motiviert, meinen Schal schnellstmöglich fertigzustellen und überlege, auch beim kommenden Stricksalon wieder mit dabei zu sein.

Der nächste Stricksalon im MfK (Schaumainkai 53) ist am 9. Dezember von 15 bis 18 Uhr. Weitere Infos gibt es im Internet unter http://www.mfk-frankfurt.de.

Tuesday, den 1. November 2011

Franz Konter und Hadayatullah Hübsch

Crosstown Traffic4.- 20.11.2011, Do.- Sa. 17- 20.00 h
Walpodenakademie, Neubrunnenstraße 8, Mainz

Fr., 4.11.2011, Eröffnung: Einführung Dr. Peter Oehler, Lesung Franz Konter. 20.00 h, Eintritt: frei

Sa., 19.11. ­­­­Buchrelease „Kaleidoskopidschi“ Ein Leseabend in Erinnerung an Hadayatullah Hübsch. 20.00 h, Eintritt: 3 €So., 20.11. Beatbrunch mit Versingung von August Priebe und Lyrikaufnahmen aus dem San Francisco der 60er Jahre. 12.00 h, Eintritt: frei

Der Mainzer Kunstverein Walpodenstraße 21 e.V. und der gONZo-Verlag laden ab dem 4. November in die Walpodenakademie zu der Ausstellung „Crosstown Traffic“ ein, die aus der literarischen wie bildnerischen Zusammenarbeit von Hadayatullah Hübsch und Franz Konter entstanden ist. Zur Vernissage wird Dr. Peter Oehler am 4. November ab 20 h einleitende Worte sprechen. Im Anschluss daran liest Franz Konter aus Crosstown Traffic.

Sowohl die Zeichnungen/Collagen als auch der Text wurden von einem der beiden Künstler begonnen und dann an den anderen „durch die Stadt“ geschickt, um weiter bearbeitet zu werden. So entstand neben dem assoziativen Handlungsstrang der Wortebene auch eine Serie von mehr als 50 Arbeiten auf Papier, die den Text begleiten, ohne im eigentlichen Sinne illustrativ zu sein. Hübsch, verstorben am 4. Januar 2011, war Beat-Lyriker, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Undergroundszene der sechziger Jahre und Vorsitzender des „Verbandes deutscher Schriftsteller“ (VS) in Hessen und Imam in der Nuur-Moschee in Frankfurt.

Am 19. November findet anlässlich des Release von „Kaleidoskopidschi – Erinnerungen an Hadayatullah Hübsch“, einer Sammlung aus Beiträgen von Freunden, Bekannten und Kollegen Hadayatullah Hübschs, ab 20.00 h eine Lesung der Autoren Alexander Pfeiffer, Julia Mantel, Ewart Reder und Peter Oehler statt.

Am 20. November wird die Ausstellung ab 12.00h mit einem leckeren Beat-Brunch, Lyrik aus dem San Francisco der 60er Jahre, sowie einer Versingung von August Priebe, ausklingen.