Interview – Kurt Drawert im Gespräch über seine Darmstädter Textwerkstatt, die 15 Jahre ihres Bestehens feiert

Kurt Drawert im Interview: Schreiben ist eine Lebensweise

Wie entkommt man dem Nichts? Das sind so die Fragen, die Kurt Drawert mit den Autoren seiner Textwerkstatt wälzt. Das hilft nicht nur dem Nachwuchs, sondern auch ihm selbst weiter, sagt der Autor.  Kurt Drawert (57) ist nicht nur Schriftsteller – er ist auch in der Autorenförderung tätig. Seit 15 Jahren leitet er die Textwerkstatt im Darmstädter Literaturhaus, aus deren Texten er die Anthologie „Kasinostraße 3“ zusammengestellt hat.

DARMSTADT.
ECHO: Herr Drawert, die Anthologie „Kasinostraße 3“ enthält Texte von über 25 Autorinnen und Autoren. Wie viele Teilnehmer haben Sie enttäuschen müssen mit der Nachricht, dass sie in dem Buch nicht vorkommen?

Kurt Drawert: Ich hoffe, niemanden. Die Textwerkstatt ist ein über fünfzehn Jahre gewachsenes Kulturprodukt, eine Institution zur Förderung junger literarischer Talente von überregionaler Bedeutung, die sich in ihrer Geschlossenheit zeigt. Und jeder Einzelne ist Teil dieses Ganzen, hat von uns partizipiert und selbst dazu beigetragen, dass wir heute sind, was wir sind. Eine Akkumulation von Bildung, Wissen, Erfahrung und Kreativität, kurz, ein Kraftfeld, das in die Gesellschaft zurückwirkt. Das wollte ich mit der Anthologie zeigen. Das ist naturgemäß nicht gerecht im Sinne von: Dieser oder jener Autor hätte ebenso vertreten sein können. Außerdem haben wir ja unsere Zweijahresschriften, die alles dokumentieren, was in dieser Zeit bei uns so passiert ist. Und es muss ja nun wirklich nicht auch alles gedruckt werden, was irgendwo geschrieben steht. Eine Anthologie herauszubringen heißt also immer auch, eine Auswahl zu treffen, Maßstäbe zu setzen, Werte zu behaupten. Da kann man es nie allen Recht machen. Zumal Autoren nicht wirklich verstehen, warum auch die anderen schreiben. Das ist einfach so. Liebenswert und problematisch in einem.

ECHO: Welches sind die wichtigsten Fähigkeiten, die Sie vermitteln können?

Drawert: Das müssten Sie jetzt andere fragen, denn ich weiß es tatsächlich nicht. Aber es muss ja etwas sein, sonst würden die Schreibenden nicht aus allen Teilen Deutschlands kommen. Und es muss mehr sein als nur die Vermittlung von Handwerk und einiger technischer Fertigkeiten, die man sich natürlich aneignen kann und die zu beherrschen auch nicht gerade schadet. Es muss etwas sein, das auf eine tiefe Verborgenheit verweist, aus der heraus Literatur überhaupt erst entsteht. Die Freiheit zur Überschreitung eines vorproduzierten gesellschaftlichen Sprechens zum Beispiel. Etwas in dieser auch das Unbewusste zum Vorschein bringenden Art. Denn ein Text, ein Gedicht zum Beispiel, ist ja nie nur die Summe seiner sprachlichen Teile, sondern er besitzt einen Überschuss. Wie und wodurch, das ist die Frage, die hier alles entscheidet.

ECHO: Welches sind die wichtigsten Talente, die man für diese Vermittlung einsetzen kann?

Drawert: Erfahrung und Intuition. Die Fähigkeit, die Texte dort zu empfangen, wo sie nicht mehr geschrieben worden sind, sondern sich im Schatten der Sprache ereignen und eine Bedeutung entfalten, wie sie kein funktionaler Text je erreicht. Der Leser von Literatur und besonders von Lyrik ist also immer auch ein Autor des Autors, denn er muss die Leerstellen füllen, die ein Text braucht, um im Bekannten das Andere, Fremde, Unerwartete zu finden. Diese Fähigkeit zur Imagination geht mit der Entwicklung des Menschen einher, das und nichts sonst ist der tiefere Sinn von Literatur – die Funktion des Imaginären in Bewegung zu halten. Der Rest ist Schönheit im sprachlichen Bild, und sie braucht auch keine Rechtfertigungen oder Beweise.

ECHO: Haben sich in 15 Jahren die Themen verändert, mit denen Autoren sich beschäftigen?

Drawert: Das ist eine gute Frage. Aber ich weiß es nicht. Vielleicht, weil mich Inhalte nur wenig interessieren. Nicht als Leser, wo ich dann gleich lieber Sachbücher lese oder Philosophie, sondern als, nun ja, Werkstattleiter oder wie man das nennen soll. Wie ein Text gebaut ist, entscheidet darüber, ob, was er sagt, auch geglaubt werden kann. Die beste Absicht nützt ja nichts, wenn sie ihre Form nicht findet. Wir wollen ergriffen sein von einer Geschichte und ein Gefühl davon haben, was gefühlt worden ist. Das ist nur im Stil zu erreichen, in der besonderen Art und Weise eines ästhetischen Sprechens. Und darüber möchte ich reden. Was einer von sich und der Welt mitzuteilen hat, das kann er ja auch ohne mich tun. Da habe ich ihm nicht reinzureden. Wir sind ja keine Selbsthilfegruppe oder dergleichen.
Dennoch glaube ich, dass die großen Fragen der Existenz auch die üblichen einer jeden neuen Literatur sind: Wer ist man warum geworden und wie entkommt man dem Nichts? Orte, Zeiten und Situationen sind austauschbar.

ECHO: Hat sich Ihr eigener Blick auf Literatur durch die Arbeit in der Textwerkstatt verändert?

Drawert: Nein, ich denke nicht. Ich suche die Beschreibung des Abwesenden, ob in den Texten der Autoren meiner Werkstatt oder in jedem guten Buch. Und manchmal finde ich sie, und das macht mich glücklich. Etwas anderes ist, ob die Vorstellung, die in dem Begriff von Literatur gesellschaftlich kursiert, deckungsgleich ist mit der, die ich davon habe. Literatur ist ja kein Objekt, das so und nicht anders funktioniert, sondern immer ein Diskursprodukt, und sie begründet sich permanent neu. Wenn eines Tages nur noch Internetsprache mit ihren verheerenden Abkürzungen zur Literatur erklärt würde, weil es eine Mehrheit behauptet, könnte ich mich auf dem Kopf stellen und mit den Füßen Fliegen fangen, nicht und niemals aber das Gegenteil beweisen. Wie auch? Es gibt ja jetzt schon SMS-Romane, und nur der Allergütigste weiß, was daran noch literarisch sein soll.

ECHO: Hat man irgendwann ausgelernt? Oder braucht auch Kurt Drawert gelegentlich Rat beim Schreiben, und wo holt er ihn?

Drawert: Natürlich lernt man nie aus. Das wäre ja so furchtbar wie die Erfüllung eines Begehrens, der nur noch die Leere folgen kann oder der Tod. Schreiben ist eine Lebensweise, eine Praxis, eine fortwährende Verwirklichung des Subjekts. Diese Möglichkeit, mit und durch Sprache ein anderer zu werden, ist grandios. Und ja, ich hole mir Rat. Mit jeder Stunde meiner Textwerkstatt, in jedem Seminar. Denn im Grunde weiß ich auch nicht, wie das alles entsteht und wohin es unterwegs ist. Aber ich kann es entdeckt und gefördert haben, und das ist wirklich sehr viel.

ECHO: Wie geht es mit der Darmstädter Textwerkstatt weiter? Noch einmal fünfzehn Jahre vielleicht?

Drawert: Wenn ich hundert werde, höre ich auf. Das habe ich mir vorgenommen. Auf jeden Fall müssen wir kleiner werden, begrenzter. Ich bin ja ein Einmannbetrieb, unterstützt von der wunderbaren Lyrikerin Martina Weber und den hilfsbereiten Kollegen im Kulturamt. Nur rechnen Sie mal zusammen, wie viele Autoren, Veranstaltungen, Korrespondenzen etcetera bei mir zusammenlaufen. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Dankenswerterweise natürlich. Aber Begrenzungen sind ja auch sinnvoll und steigern die Qualität. Und nur darum soll es uns gehen.

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