Monatsarchiv für June 2017

Warum Lyrik?// Frankfurter Lyriktage

Tuesday, den 13. June 2017

“Lyrik ist die herrlichste Literaturgattung, die es gibt“, sagt Roloff, Jahrgang 1973, in seinem Gastbeitrag. Der Frankfurter hat vier Gedichtbände veröffentlicht und nimmt natürlich auch an den Lyriktagen* teil.

GASTBEITRAG (13. Juni 2017 Marcus Roloff):

Vielleicht ist es ein bisschen wie früher auf dem Schulhof, als man sich noch über die Songs in den Charts Gedanken machte: Entweder sie packten einen oder nicht. Hier wurde (und wird) in dreieinhalb Minuten großes, uns alle angehendes Geschehen abgehandelt, und zwar in aller Regel schmerzfrei und eingängig, etwas, das man später gern mal als unterkomplex von sich wies. Als das Gegenteil hiervon ist nun die so genannte Gegenwartslyrik vielgerühmt und -geschmäht. Neben dem großen Thema (Un-)Verständlichkeit leben in unser aller Hirn die Generationen untoter Deutschlehrerinnen weiter, denen wir es verdanken, dass wir uns gegen das Gedicht vollkommen verbarrikadiert haben. Denn dieses Kulturgut scheint ausgesprochen schlecht zum Leben von Zehn- bis Achtzehnjährigen zu passen. Wenn das stimmt, denke ich mir, muss es ein Schlupfloch geben, so ein Luftloch, das aus dem Dunkel der Abwehrhaltung hinausführt. Aber wie notwendig ist solcher Art Frischluft, die uns die Lyrik zufächelt? Ist es überhaupt frische, Neuigkeiten enthaltende Luft, die von Gedichten ausgeht? Ich meine (in beiden Fällen): ja. Wenn sie nicht nur verquast und selbstverliebt ist, kann Lyrik uns eine Menge sagen, über uns, unsere Herzensangelegenheiten, die Welt in der wir leben, Orte und Zeiten. Sie ist quasi die geflüsterte Tonspur, die sich uns mitteilt, wenn wir schlafen, wachen oder in Jogginghosen durch unsere Pausen laufen. Im besten Fall kann man sich Romane, Serien oder Doku-Soaps sparen, da hier auf engstem Raum etwas Platz hat, das durch Hören und Sagen seinen ganz eigenen Sog entwickelt. Das Gedicht ist durchaus mehr als etwas im Rausch für Berauschte Erzeugtes, es ist ein Sprachkunstwerk von schierer Klarheit, das auch Aufschluss gibt über sich und seine Bedingungen. In ihm haben philosophisch verspulte Gedankengänge und historisch-kritische Herleitungen ebenso Platz wie die einfache Liebeserklärung oder Gesang. Insofern es ihm gelingt, Ding und Begriff zu vereinen und uns zu packen, ist Lyrik die herrlichste Literaturgattung, die es gibt.

* Die Lyriktage finden vom 22.6. bis zu,m 1.7. statt.
Infos:

www.frankfurter-lyriktage.de/intro/

Unter der Armutsgrenze

Saturday, den 3. June 2017

Das Haus der Poesie hat Lyriker nach ihrem Einkommen befragt.

Von Ijoma Mangold

Das Berliner Haus für Poesie hat 200 Dichtern einen Fragebogen geschickt, um ein Bild davon zu gewinnen, wie es um die finanzielle Situation der Dichtung in Deutschland bestellt ist. 114 Lyriker haben geantwortet. Auch wenn das Ergebnis keinen überraschen dürfte, ist es doch aufschlussreich, die ökonomische Seite des Dichterlebens einmal in aller prosaischen Klarheit vorgeführt zu bekommen. Drei Viertel der Befragten, teilt das Haus für Poesie mit, leben mit einem Jahresbruttoeinkommen unter dem Bundesdurchschnitt von 32.486 Euro. 77 Prozent erzielen mit ihrer schriftstellerischen Arbeit 10.000 Euro und weniger, beziehen also den größeren Teil ihrer Einkünfte aus anderen Tätigkeiten. 45 Prozent der Lyriker, die keiner anderen Beschäftigung nachgehen, leben unterhalb der Armutsgrenze, die bei 11.759 Euro im Jahr liegt.

Die Künste sind, was ihre Refinanzierung betrifft, höchst unterschiedlich. Die bildende Kunst hat einen geradezu midasartigen Markt hervorgebracht, der alles zu Gold verwandelt, was er anfasst. Zeitgenössische Komponisten leben von öffentlichen Aufträgen, Theaterautoren von Tantiemen. Für Romanautoren gibt es einen funktionierenden Markt, bei dem zumindest jeder eine Chance hat, sein Glück zu probieren. Lyriker hingegen nehmen, von wenigen Ausnahmen wie Jan Wagner abgesehen, gar nicht teil am Buchmarkt. Ihre Bücher haben Auflagen von unter 1000 Exemplaren. Ihre Kontoeingänge stammen nicht von Verlagen, sondern von Lyrikveranstaltern.

Das durchschnittliche Honorar für eine Lesung liegt zwischen 250 und 350 Euro. Deshalb fordern die Lyriker jetzt ein Grundeinkommen und bessere Ausstattung von Lyrikveranstaltern und entsprechende Mindesthonorare. Man kann das gut verstehen. Aber will man wirklich eine Gesellschaft, in der jeder einen Anspruch darauf hat, von dem, was seine Herzensangelegenheit ist, leben zu können? Dann müsste es staatliche Institutionen geben, die entscheiden, wer offiziell als Lyriker und damit als Leistungsempfänger anerkannt wird. Gottfried Benn ging jeden Tag in seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Natürlich hat er geklagt, seine Lyrik hat davon eher profitiert. Vielleicht ist es ja sogar ein Privileg, dass sich Lyrik nicht pekuniarisieren lässt? Für die bildenden Künste ist ihre extreme Kapitalisierbarkeit längst zu einem schleichenden Gift geworden, bei dem der Inhalt eines Kunstwerks sein Preis ist.

www.zeit.de/2017/23/lyriker-einkommen-berliner-haus-fuer-poesie