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Das Lyrikerkollektiv „Salon Fluchtentier“ macht sich seinen Reim auf die Wirklichkeit

Monday, den 24. July 2017

Auch wenn Lyriker die Beine schwingen, kommen Gedichte dabei heraus. „Salon Fluchtentier“ weiß, wie’s geht.

Eine gesellige Stimmung herrscht beim Treffen des Künstlerkollektivs „Salon Fluchtentier“ auf der Dachterrasse der Romanfabrik im Frankfurter Ostend. Es wird viel gelacht. Die Mitglieder bereiten die fünfte Veranstaltung ihrer Reihe für zeitgenössische Lyrik vor. Eingeladen haben sie die 1984 geborene Berliner Dichterin Maren Kames und den 1971 geborenen Wuppertaler Thorsten Krämer. Seit 2015 holen die „Fluchtentiere“ junge Lyriker nach Frankfurt. „Wir versuchen, die deutschlandweit Besten zu kriegen“, sagt der Lyriker Yevgeniy Breyger. Vorschläge werden gruppenintern diskutiert. Entschieden werde basisdemokratisch, sagt Robert Stripling, der als Sprecher der Gruppe fungiert.

„Salon Fluchtentier“ organisiert Lesungen, aber auch Abende zwischen Dichtung, Musik und Kunst. „Es ist uns ein Bedürfnis, ein unabhängiges Programm zu schaffen“, betont Stripling. In Frankfurt gäbe es, anders als in vielen sonstigen deutschen Städten, keine unabhängige Lesereihe für Lyrik, erläutert Breyger. Gleichwohl spreche man sich mit anderen Literaturveranstaltern in der Stadt ab. Im Rahmen der vom Kulturamt ausgerichteten „Frankfurter Lyriktage“ veranstaltete „Salon Fluchtentier“ kürzlich einen Lesungs- und Gesprächsabend mit den Autoren Hendrik Jackson und Marcus Roloff. Der dafür genutzte Elfer Music Club in Alt-Sachsenhausen ist für die Gruppe schon fast ein angestammter Ort. Neben den Lesungen in der Romanfabrik finden dort regelmäßig Gespräche statt, die das Publikum einbeziehen sollen.

Überdies trifft sich das Kollektiv regelmäßig im privaten Rahmen, um eigene Lyriktexte zu besprechen. „Dann darf es auch ausarten“, scherzt Robert Stripling. Die Ursprünge von „Salon Fluchtentier“ lägen in der 2013 entstandenen Gruppe „Dichtungsfans“, erzählt unterdessen Jannis Plastargias. Der lose Verbund, zu dessen Gründern neben Plastargias auch Julia Mantel, Marcus Roloff und Martin Piekar zählten, diskutierte ebenfalls eigene Texte, füllte aber auch Kneipen und Clubs mit Lyrikveranstaltungen. Die „Dichtungsfans“ gingen an Orte, wo man Lyrik zunächst nicht vermutet. Sie hatten nicht etwa vor, mit dem Frankfurter Literaturhaus oder dem Literaturforum im Mousonturm zu konkurrieren. „Wir wollten etwas Anderes machen“, erinnert sich Jannis Plastargias.

Mit der Zeit kamen neue Mitglieder wie Breyger und Stripling hinzu, schließlich bekam die Gruppe ihren heutigen Namen. „Der Gedanke, das Stadtgeschehen an verschiedenen Orten zu beleben, ist geblieben“, sagt Robert Stripling. Man wolle weiterhin ein Publikum an Orte bringen, das normalerweise nicht viel mit Dichtung im Sinn hat. Gleichwohl sei „Salon Fluchtentier“ anspruchsvoller geworden, konstatiert Plastargias: „Wir achten mehr auf Qualität.“ Heute agieren in der Gruppe sowohl erprobte und in der Szene präsente Lyriker wie Yevgeniy Breyger, Alexandru Bulucz, Martin Piekar und Robert Stripling, als auch neue Stimmen wie Caroline Danneil und Nils Brunschede.

Mit Yevgeniy Breyger, Olga Galicka, Julia Grinberg und Daniel Jurjew sind überdies mehrere ursprünglich russischsprachige Dichter dabei, die ihre Texte hauptsächlich auf Deutsch schreiben. Vielleicht auch deshalb widmete „Salon Fluchtentier“ der „vielzitierten sowjetischen Seele“ eine eigene Veranstaltung. Vor einigen Wochen wurde in der Romanfabrik deutsch- und russischsprachige Lyrik gelesen, es wurde gesungen, getanzt und auch etwas Wodka getrunken. Zu den Gästen des augenzwinkernd „Back to CCCP“ („Zurück in die UdSSR“) betitelten Abends gehörte unter anderen der Frankfurter Schriftsteller Oleg Jurjew. Er las kurze Prosastücke, aber auch auf Russisch verfasste Gedichte, deren deutsche Übersetzung sein Sohn Daniel vortrug.

Außerhalb Frankfurts war „Salon Fluchtentier“ indes noch nicht aktiv. „Wir sind ein stadtspezifisches Projekt“, betont Robert Stripling. Martin Piekar sieht die Stadt auf einem guten Weg: „Frankfurt hat sich in den letzten Jahren erneut als Knotenpunkt für junge Lyrik etabliert.“ Es gäbe neue Stimmen, ergänzt er. Verlage für junge Lyrik seien in Frankfurt aber rar, stellt die Gruppe fest. Lediglich der Verlag Gutleut wird beispielhaft genannt. Eine wichtige Adresse für junge Lyrik sei der Berliner Verlag Kookbooks. „Im Prinzip ist es egal, in welcher Stadt der Verlag sitzt“, sagt Yevgeniy Breyger. Ohnehin liefen viele Diskussionen über Lyrik heute in sozialen Netzwerken, wie zum Beispiel Facebook, ab. Dadurch werde der überregionale Austausch einfacher, berichten die Gruppenmitglieder.

Die Vernetzung verdichtet die zeitgenössische Lyrikszene: „Wir puschen uns jetzt gegenseitig“, weiß Jannis Plastargias.

www.fnp.de/nachrichten/kultur/Das-Lyrikerkollektiv-bdquo-Salon-Fluchtentier-ldquo-macht-sich-seinen-Reim-auf-die-Wirklichkeit;art679,2718668

Klagen 17

Monday, den 10. July 2017

& im Geheimnis machst du es
Dir bequem, verlässt die Pfade
der Gewohnheit nie, hast Angst
vor den anderen, die es besser
wissen könnten, möchtest
alle Seiten leben &
schlägst doch das Buch zu.

Warum Lyrik?// Frankfurter Lyriktage

Tuesday, den 13. June 2017

“Lyrik ist die herrlichste Literaturgattung, die es gibt“, sagt Roloff, Jahrgang 1973, in seinem Gastbeitrag. Der Frankfurter hat vier Gedichtbände veröffentlicht und nimmt natürlich auch an den Lyriktagen* teil.

GASTBEITRAG (13. Juni 2017 Marcus Roloff):

Vielleicht ist es ein bisschen wie früher auf dem Schulhof, als man sich noch über die Songs in den Charts Gedanken machte: Entweder sie packten einen oder nicht. Hier wurde (und wird) in dreieinhalb Minuten großes, uns alle angehendes Geschehen abgehandelt, und zwar in aller Regel schmerzfrei und eingängig, etwas, das man später gern mal als unterkomplex von sich wies. Als das Gegenteil hiervon ist nun die so genannte Gegenwartslyrik vielgerühmt und -geschmäht. Neben dem großen Thema (Un-)Verständlichkeit leben in unser aller Hirn die Generationen untoter Deutschlehrerinnen weiter, denen wir es verdanken, dass wir uns gegen das Gedicht vollkommen verbarrikadiert haben. Denn dieses Kulturgut scheint ausgesprochen schlecht zum Leben von Zehn- bis Achtzehnjährigen zu passen. Wenn das stimmt, denke ich mir, muss es ein Schlupfloch geben, so ein Luftloch, das aus dem Dunkel der Abwehrhaltung hinausführt. Aber wie notwendig ist solcher Art Frischluft, die uns die Lyrik zufächelt? Ist es überhaupt frische, Neuigkeiten enthaltende Luft, die von Gedichten ausgeht? Ich meine (in beiden Fällen): ja. Wenn sie nicht nur verquast und selbstverliebt ist, kann Lyrik uns eine Menge sagen, über uns, unsere Herzensangelegenheiten, die Welt in der wir leben, Orte und Zeiten. Sie ist quasi die geflüsterte Tonspur, die sich uns mitteilt, wenn wir schlafen, wachen oder in Jogginghosen durch unsere Pausen laufen. Im besten Fall kann man sich Romane, Serien oder Doku-Soaps sparen, da hier auf engstem Raum etwas Platz hat, das durch Hören und Sagen seinen ganz eigenen Sog entwickelt. Das Gedicht ist durchaus mehr als etwas im Rausch für Berauschte Erzeugtes, es ist ein Sprachkunstwerk von schierer Klarheit, das auch Aufschluss gibt über sich und seine Bedingungen. In ihm haben philosophisch verspulte Gedankengänge und historisch-kritische Herleitungen ebenso Platz wie die einfache Liebeserklärung oder Gesang. Insofern es ihm gelingt, Ding und Begriff zu vereinen und uns zu packen, ist Lyrik die herrlichste Literaturgattung, die es gibt.

* Die Lyriktage finden vom 22.6. bis zu,m 1.7. statt.
Infos:

www.frankfurter-lyriktage.de/intro/

Unter der Armutsgrenze

Saturday, den 3. June 2017

Das Haus der Poesie hat Lyriker nach ihrem Einkommen befragt.

Von Ijoma Mangold

Das Berliner Haus für Poesie hat 200 Dichtern einen Fragebogen geschickt, um ein Bild davon zu gewinnen, wie es um die finanzielle Situation der Dichtung in Deutschland bestellt ist. 114 Lyriker haben geantwortet. Auch wenn das Ergebnis keinen überraschen dürfte, ist es doch aufschlussreich, die ökonomische Seite des Dichterlebens einmal in aller prosaischen Klarheit vorgeführt zu bekommen. Drei Viertel der Befragten, teilt das Haus für Poesie mit, leben mit einem Jahresbruttoeinkommen unter dem Bundesdurchschnitt von 32.486 Euro. 77 Prozent erzielen mit ihrer schriftstellerischen Arbeit 10.000 Euro und weniger, beziehen also den größeren Teil ihrer Einkünfte aus anderen Tätigkeiten. 45 Prozent der Lyriker, die keiner anderen Beschäftigung nachgehen, leben unterhalb der Armutsgrenze, die bei 11.759 Euro im Jahr liegt.

Die Künste sind, was ihre Refinanzierung betrifft, höchst unterschiedlich. Die bildende Kunst hat einen geradezu midasartigen Markt hervorgebracht, der alles zu Gold verwandelt, was er anfasst. Zeitgenössische Komponisten leben von öffentlichen Aufträgen, Theaterautoren von Tantiemen. Für Romanautoren gibt es einen funktionierenden Markt, bei dem zumindest jeder eine Chance hat, sein Glück zu probieren. Lyriker hingegen nehmen, von wenigen Ausnahmen wie Jan Wagner abgesehen, gar nicht teil am Buchmarkt. Ihre Bücher haben Auflagen von unter 1000 Exemplaren. Ihre Kontoeingänge stammen nicht von Verlagen, sondern von Lyrikveranstaltern.

Das durchschnittliche Honorar für eine Lesung liegt zwischen 250 und 350 Euro. Deshalb fordern die Lyriker jetzt ein Grundeinkommen und bessere Ausstattung von Lyrikveranstaltern und entsprechende Mindesthonorare. Man kann das gut verstehen. Aber will man wirklich eine Gesellschaft, in der jeder einen Anspruch darauf hat, von dem, was seine Herzensangelegenheit ist, leben zu können? Dann müsste es staatliche Institutionen geben, die entscheiden, wer offiziell als Lyriker und damit als Leistungsempfänger anerkannt wird. Gottfried Benn ging jeden Tag in seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Natürlich hat er geklagt, seine Lyrik hat davon eher profitiert. Vielleicht ist es ja sogar ein Privileg, dass sich Lyrik nicht pekuniarisieren lässt? Für die bildenden Künste ist ihre extreme Kapitalisierbarkeit längst zu einem schleichenden Gift geworden, bei dem der Inhalt eines Kunstwerks sein Preis ist.

www.zeit.de/2017/23/lyriker-einkommen-berliner-haus-fuer-poesie

30.05.17, 20h, Romanfabrik// Maren Kames & Thorsten Krämer feat. Tobias Schmitt

Friday, den 26. May 2017

SALON FLUCHTENTIER NO. 5

Die 1984 geborene und in Berlin lebende Maren Kames gewann 2013 den 21. Open Mike. In ihrem Debütband Halb Taube halb Pfau (Secession Verlag, 2016) bezieht sie Klangcollagen ein, die sich mittels moderner mobiler Telefongeräte aufrufen lassen. Ihre Texte inszeniert sie oft raumgreifend, zuletzt im Rahmen einer audiovisuellen Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart.

Dem 1971 geborenen Wuppertaler Thorsten Krämer wurden für seine literarische Arbeit unter anderem das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln zugesprochen. In seinem zuletzt erschienen Band The Democratic Forest (Brueterich Press, 2016) wählte Krämer Fotografien von William Eggleston zu Orten seiner Gedichte und durchreist Egglestons umfangreiche Arbeiten. Dabei stellt er sich der Frage: „Wie reisen Dichter, wie Fotografen?“

Tobias Schmitt wird mit seinen elektronischen Klangwelten den Abend bereichern.

Dienstag, 30. Mai / 20.00 UHR
Eintritt: 7 Euro (ermäßigt: 4 Euro)

YOGA

Sunday, den 21. May 2017

Yo!
gaga
yo
g point
a-a-a

Salon Fluchtentier-PERFORMANCE

Friday, den 7. April 2017

Salon-Fluchtentier

Salon Fluchtentier No 4, Lesung
Romanfabrik, Hanauer Landstrasse 186
18.04.2017, 20h
Eintritt 7 Euro

Friday, den 31. March 2017

Das Eis ist zu dünn
vor allem
wenn die Sonne scheint

verschlingen wir die Liebesschwüre
nach einem langen Hunger
ohne zu zahlen

liegt eine SMS schwer im Magen
wie der Stein
der das Eis bricht.

Undercover-Mosaik-Spezial// Freitag, 17. Februar

Wednesday, den 8. February 2017

Salzburg ist nicht weit, Salzburg ist ein mosaik auf der Karte der Lesereihen und Literaturzeitschriften. Diesmal ist das mosaik-Team geladen, sich mit Salon Fluchtentier zu vermischen. Sie unterhalten einen Literaturblog und veröffentlichen Buchprojekte. Zeit und Freundschaft sind reif für Undercover + mosaik.

Ort: Elfer Music-Club
Klappergasse 5-7
Einlass: 19.00h
Eintritt: 5/3 €

Eine Veranstaltung von Salon Fluchtentier.
U.a. bin ich auf der Bühne.

Emanzipiert einsam

Thursday, den 26. January 2017

Friederike Gösweiners Roman „Traurige Freiheit“ thematisiert die prekären Lebensumstände der „Generation Praktikum“. Hannah, die 30-jährige Protagonistin, zieht für ein journalistisches Volontariat nach Berlin und jobbt dort als Kellnerin. Ihre neue Freiheit wird zu einem Fall in die Tiefe. Riccarda Gleichauf hat das Buch gelesen.

“Traurige Freiheit“ von Friederike Gösweiner hat kürzlich den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Shortlist Debüt bekommen. Es ist ein wichtiger Text, weil er ein Thema anspricht, das viel zu wenig im öffentlichen Diskurs wahrgenommen wird. Er geht um die Kinder der 1980er, die „Generation Praktikum“, die doch eigentlich alles hat, die sich nun wirklich nicht beklagen kann.

Vordergründig ist es vielleicht so, dass auch AkademikerInnen über kurz oder lang eine gutbezahlte Arbeit finden, wenn sie sich nur richtig anstrengen. Dabei ist Vorsicht geboten. Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sinken laut Statistiken zwar fleißig, aber sie sprechen nicht davon, welche Jobs arbeitslose JournalistInnen zum Beispiel irgendwann aus der Not heraus annehmen. Hannah aus „Traurige Freiheit“, kurz vor dem vollendeten 30. Lebensjahr, sucht sich den für Frauen typischen Notnagelberuf aus. Sie wird Kellnerin in einem Café. In die Stadt Berlin ist sie gezogen, weil ihr freiheitsverheißender Ruf, aber vor allem ein Volontariat bei einer Zeitung sie dorthin lockt. Sie muss sich dafür von ihrer großen Liebe, einem Arzt, trennen, weil dieser weniger emanzipiert ist als sie selbst. Jakob versteht nicht, warum seine Freundin sich nicht von ihm aushalten lassen will, sondern ihren eigenen beruflichen Weg gehen möchte.

Die permanente Erinnerung an den Ex-Freund macht die Freiheit zu einer traurigen Freiheit oder vielmehr zu einer traurigen Einsamkeit. Mit Freiheit hat dieser Zustand nichts mehr zu tun. Es geht um die Einsamkeit als abgrundtiefe, bodenlose Emotion.

Dabei könnte sie auch kreative Kräfte wecken oder wenigstens produktive Wut. Stattdessen versinkt die Protagonistin nach Beendigung des Volontariats und ohne Jobaussichten in Hoffnungslosigkeit und rationalisiert diesen Zustand, um ihn damit gleichzeitig zu bagatellisieren – ein typisches Verhalten für AkademikerInnen:

„Vielleicht fühlten alle diese Aussichtslosigkeit, die sie fühlte. Vielleicht war dieses Gefühl normal. Vielleicht war das einfach das Erwachsenenleben, immer schon gewesen, und sie waren nur in keiner Weise darauf vorbereitet worden.“

Man muss schon laut werden

Auf eine Sache wird man als Geisteswissenschaftlerin im Studium auf jeden Fall nicht vorbereitet. Auf die Tatsache, dass da draußen niemand exklusiv auf dich wartet, dass es eine Illusion ist, dass du nur Bewerbungen schreiben musst, und schon nehmen sie dich mit offenen Armen. Man muss schon laut werden, Aufmerksamkeit erregen, Vitamin B haben oder zumindest einen Shitstorm im Netz provozieren, um sichtbar zu werden. Auch das erkennt Hannah irgendwann, als sie von einem öffentlich bekannten Journalisten im Café angesprochen wird. Ihr ist es wichtig, diesem interessanten älteren Mann direkt zu zeigen, dass sie keine Kellnerin ist, sondern sich nur hinter diesem Beruf versteckt, sich an ihn klammert, weil ihr sonst keine Chance gegeben wird, sich zu zeigen:

„Ich habe Zeitgeschichte studiert, sagte Hannah, während sie an der Bar hantierte, und wunderte sich über sich selbst, dass sie es nötig fand, dem Mann sofort klarzumachen, dass sie nicht nur Kellnerin war, sondern Akademikerin.“

Der weitere Verlauf der Geschichte ist klar vorgezeichnet, weil ein Klischee bedient wird, in dem leider viel Wahres steckt. Sie will den fremden, mächtigen Journalisten, Herrn Stein, inhaltlich von sich überzeugen – er sucht eigentlich nur das Eine. Vielleicht möchte er auch mehr, genießt ihre unterhaltsame und kluge Gesellschaft als Sahnehäubchen obendrauf. Letzlich kommt Hannah zusammen im Gespräch mit ihrer einzigen Freundin Miriam aber zu dem Schluss, dass „er sich für sie interessierte, als Frau, nicht oder zumindest nicht nur als Kollegin.“

Was sie bisher von Herrn Stein gehalten hat, ist blauäugig gewesen und typisch für ihren Charakter, ihre Art, positiv über die Welt zu denken. Immer viel zu viel zu erhoffen, und letzlich passiv in eine Warteposition zu verfallen, die sie in eine abhängige Situation, vergleichbar mit der einer Gewächshauspflanze, bringt. Als bedürftiges „Pflänzchen“ braucht Hannah jemanden, der sie regelmäßig mit Wasser und Licht versorgt. Bleibt das aus, wird der Boden spröde, die Luft knapp, und die Blätter welken.

Als Herr Stein zu seiner Familie in die Sommerferien fährt, beginnt für Hannah endgültig der Boden zu schwanken, weil ihr einziger energiegeladener Halt in der Großstadt sich als Luftschloss, als ein unwirkliches Gebilde noch nicht erwachsen gewordener, schambehafteter Kleinmädchenträume entpuppt. Aufwachen, möchte man der Protagonistin zurufen, und sie heftig an den Schultern packen. Der ungebremste Fall in die Tiefe ist aber vorprogrammiert, und es ist eine Schwachstelle des Textes, dass gerade die surrealen Szenen weiterhin linear erzählt werden. Ein Bruch mit der Form hätte eine Vielstimmigkeit erzeugt, den gehäuften inhaltlichen Klischees (Berlin = Freiheit, Frau = Kellnerin, mächtiger Mann = mögliches Karrieresprungbrett) eine Tiefendimension verliehen, und die bekannten Motive damit semantisch infrage gestellt. Die Protagonistin wäre interessanter, weil charakterlich vielschichtiger geworden. Aber das ist Geschmackssache, und linear verlaufende Texte sind, man denke an Bodo Kirchhoff, der den Deutschen Buchpreis dieses Jahr gewonnen hat, in Mode, und ja auch irgendwie angenehm, weil gut verständlich.

Das dreißigste Jahr. Unweigerlich muss man an die gleichnamige Erzählung von Ingeborg Bachmann denken, an dieses verflixte Jahr, und an die Stimme am Ende, die sagt: „Steh auf und geh, es ist dir kein Knochen gebrochen“. Bei Friederike Gösweiners Protagonistin kommt sie von innen heraus und drängt darauf, sich wieder in Bewegung zu setzen:

„Zeit zu gehen, dachte Hannah“.

Es ist spannend nicht zu wissen, wohin.

faustkultur.de/index.php?article_id=2920&clang=0