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“Freiheit ist kapitalistischer Mainstream”

Freitag, den 4. September 2015

Die Mittelschicht schafft sich ab, Bildungsabschlüsse verlieren an Wert, und der Neoliberalismus vereinnahmt selbst diejenigen, die ihn bekämpfen sollten – beste Voraussetzungen, um das ganze Gesellschaftssystem ins Wanken zu bringen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch.

Die einen blühen auf im sonnigen Eigenheim, die anderen bleiben in sozialer Tristesse gefangen: Die Schere zwischen arm und reich wird immer weiter aufgehen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch.

SZ-Magazin: Die Konjunktur in Deutschland ist gut. Es scheint, als ginge trotzdem die Angst vor dem Abstieg um. Stimmt das?
Cornelia Koppetsch: Viele Menschen hier befinden sich in ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Sie haben wenig Halt in der Gegenwart und das Gefühl, ihr eigenes Leben nicht planen zu können. Das aber ist die Voraussetzung für ein funktionierendes kapitalistisches System: dass die Beschäftigten ein Minimum an Zukunftssicherheit im Leben haben.

Das hieße, wenn jeder Mensch sich in diesem Zustand befände, wäre der Kapitalismus am Ende?
Theoretisch schon. Wenn größere Bevölkerungskreise die Kontrolle über ihr Leben verlieren, wie dies in Entwicklungsländern der Fall ist, ziehen sie sich oft in gegenwartsbezogene Lebensformen zurück. Sie kümmern sich nicht mehr um die Zukunft, sie bringen sich auch in der Arbeit nicht mehr ein. Es ist eine offene Frage, wie sich dies in Deutschland entwickelt. Hier leben etwa 25 Prozent in gefährdeten Lagen, zehn Prozent in verfestigter Armut. Das ist eine Menge. Da kann man sich schon fragen: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn vielen ihrer Mitglieder eine Existenz im Rahmen der herrschenden Ordnung verwehrt wird?

Könnte sich der Kapitalismus selbst abschaffen?
Bisher sieht es bei uns eher so aus, dass wir in einer durchrationalisierten Gesellschaft leben, aus der wir einige in die Prekarität entlassen. Auch wenn ihre Lebensstrategien nicht mehr greifen, werden die Ausgeschlossenen versuchen, das gewohnte System aufrechtzuerhalten. Aber es wäre interessant, das zu Ende zu denken.

Sie schreiben, dass vor allem die Mittelschicht sich das eigene Grab schaufelt. Wie das?
Der Finanzmarktkapitalismus beinhaltet, dass die Finanzmarktakteure in die Unternehmenspolitik eingreifen – im Sinne einer Maximierung von Gewinn. Das geschieht über den Shareholder-Value: Die Mittelschichtsbürger, die ein bisschen Vermögen haben und dieses, weil sie auf dem Sparbuch nichts mehr bekommen, an der Börse anlegen, sind mit dafür verantwortlich, dass bestimmte Jobs immer prekärer werden: Wenn Unternehmen in wachsendem Maße durch Aktionäre und Fondsgesellschaften kontrolliert werden, orientieren sie sich an kurzfristigen Gewinnmöglichkeiten und versuchen vor allem, die Kosten für Arbeit zu senken. Es ist billiger, Arbeitnehmer befristet zu beschäftigen und beispielsweise Leiharbeiter einzustellen. So trägt jeder Shareholder zur Aushöhlung der Arbeitnehmerschaft bei.

Auch mit kleinen Anteilen an einem kleinem Aktienfonds?
Absolut. Dies zeigt sich nicht nur in Deutschland. Unternehmen in den USA zum Beispiel siedeln sich in amerikanischen Bundesstaaten an, die keine Gewerkschaftsbindung haben, in denen die Rechte der Beschäftigten also nicht so groß sind. Sie argumentieren damit, dass sie ihre Aktionäre verlieren, wenn sie das nicht tun. Die Aktionäre sind Mittelschichtsbürger, ihre Aktien werden von Fondsverwaltern betreut. Und das anlagesuchende Kapital der Mittelschicht ist beträchtlich. Die gehobene Mittelschicht ist heute vermögender als je zuvor – in Deutschland durch den sozialen Aufstieg in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab ja seitdem keine Kriege und Krisen, die noch bis Mitte des 20. Jahr-hunderts immer wieder Vermögen vernichtet hatten. Stattdessen hat eine Akkumulation von Privatvermögen stattgefunden, die weit in die Mittelschicht hineinreicht: Wir haben anlagesuchendes Geldvermögen im Überfluss, wir sind überliquide. Dadurch steigt das Risiko, dass sich Blasen an den Finanzmärkten bilden: Geld hört auf, Kapital zu sein, wenn mit dem angelegten Geld keine Güter oder Dienstleistungen mehr produziert werden.

Sie bemängeln auch, dass wir unsere Bildung entwerten, indem wir uns immer weiter bilden. Wie das?
Wir beobachten, dass viele besorgte Eltern zu immer aufwendigeren Mitteln greifen, um die Zukunft der Kinder zu sichern: Elitekindergärten, Privatschulen, Auslands-aufenthalte. Wenn immer mehr Menschen in immer höhere Bildung investieren, werden herkömmliche Bildungseinrichtungen und Bildungszertifikate entwertet. Es findet ein Überbietungswettbewerb statt: Wir können auf so viele Lehrlinge zurückgreifen, wir nehmen jetzt nur noch die mit Abitur – dann landen Realschulabsolventen in ungelernten Jobs, und die Hauptschüler kriegen gar keinen. Alles rutscht eine Stufe tiefer, weil die Spitze immer exzellenter wird. Oder die Elite-Universitäten: Die Ehrgeizigen zieht es dorthin, die übrigen Universitäten werden zu zweitklassigen Bildungsanstalten herabgestuft. Nur: Die Berufsaussichten für den Einzelnen werden dabei nicht besser. Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.

Wie könnte man dem Einhalt gebieten?
Das weiß ich nicht. Ich kann es nur feststellen. Wenn man sich auf das Wettbewerbsspiel einlässt, trägt man dazu bei, dass diese Strukturen reproduziert werden. Das Mitspielen enthält eine Mittäterschaft. Dessen muss man sich bewusst sein.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty schreibt in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert: Wenn das Kapital ungehindert wachse, der Ertrag der Arbeit hingegen zu niedrig sei, sei kein sozialer Aufstieg mehr möglich. Sehen Sie das auch so?
Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter aufgehen. Aber das Kapital wird ins Leere greifen, wenn zu wenige profitable Unternehmen gegründet werden. Dies zeigt sich aktuell gerade bei uns in Deutschland. Hier wird sehr viel Geld gehortet und wenig investiert. Ein Kredit ist ja letztlich eine gesellschaftliche Beziehung: Wenn ich – und sei es nur als Mittelstandskapitalist – Geld in Form von Anleihen, Aktien oder Fonds anlege, um eine Rendite zu erzielen, verlasse ich mich darauf, dass es Unternehmen gibt, in denen Personen arbeiten, die eine Wertschöpfung erzeugen und damit einen Profit erzielen. Das wird manchmal vergessen. Wenn Geldanlagen nicht in realwirtschaftliche Produktivitätskreisläufe eingebunden sind und keine Güter oder Dienstleistungen erzeugen, wird das Geld selbst zum Anlageobjekt. Es kommt zu einer Kette von Schuldbriefen, an deren Ende weder Geld noch ein Produkt steht.

Warum investieren Menschen dann?
Die Anleger glauben, ein Naturrecht auf Gewinne zu haben, ohne sich die geringsten Gedanken darüber zu machen, wo die Unternehmen dazu herkommen sollen. Und ohne selbst ein unternehmerisches Risiko zu übernehmen. Das sind die Nachkommen der Bessergestellten, die Erben, die von unten nicht mehr eingeholt werden können. Der heutige Finanzmarktkapitalismus hat Eigentum und unternehmerische Tätigkeit entkoppelt. Das hohe Lied der unternehmerischen Tugenden predigt man lieber den einfachen Arbeitnehmern: Sie sollen zu Arbeitskraftunternehmern werden, Ich-AGs gründen und eigenverantwortlich handeln. Doch die Rechnung geht nicht auf: Ein wachsender Teil der Armen, vor allem derer mit geringer Qualifikation, hegt auch subjektiv kaum mehr Aufstiegsambitionen. Die haben sich längst ausgeklinkt.

Piketty ist für eine Reichensteuer. Was denken Sie?
Die globale Reichensteuer wäre die einzige Möglichkeit, eine Umverteilung in Gang zu setzen, um einen demokratischen Kapitalismus zu installieren. Es kann nicht sein, dass unsere Gesellschaft immer schneller rotiert, nur um die Ansprüche von Eigentümern zu befriedigen, während die Rechte von Arbeitnehmern immer weiter beschnitten werden. Solange das nur eine Nation versucht, ist klar, dass das Kapital abwandert – in Steueroasen und in Länder, in denen Arbeitnehmer weniger Rechte haben. Ich habe das neulich mal in der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgeschlagen: Wenn wir politisch eingreifen wollten, müssten wir diejenigen besteuern, die in unserer Klassengesellschaft der Vermögensbesitzer besonders mächtige Akteure sind. Die haben sich kaputtgelacht. Offenbar ist es realpolitisch eine naive Idee. Aber es wäre eine Möglichkeit, sich das mal anzugucken. Studien dazu in Auftrag zu geben. Es geschieht nichts.

Wie nah stehen sich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften?
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler denken völlig unterschiedlich. Viele Wirtschaftswissenschaftler behaupten: Die Marktkräfte regulieren sich selbst, da muss keine Gesellschaft eingreifen. Die Soziologen hingegen argumentieren: Ohne Rückbindung an eine gesellschaftliche Ordnung kann kein Kapitalismus existieren. Eine völlige Entfesselung der Marktkräfte – das zeigt in der jüngsten Vergangenheit ja auch der Zusammenbruch der Finanzmärkte – ließe das System implodieren. Vermutlich allerdings nicht, ohne vorher auch die Umwelt zerstört zu haben, denn das immer weitere Wachstum der Ökonomie wird die Umweltressourcen aufbrauchen. Und es ist ebenfalls verheerend, die sozialen Ungleichheiten zu groß werden zu lassen, weil das die gesellschaftliche Integration gefährdet und die Zivilgesellschaft dann nicht mehr funktioniert.

Wie sieht das dann aus?
Besucher aus Russland oder anderen BRICS- Staaten, also den aufstrebenden Volkswirtschaften, zu denen noch Brasilien, Indien, China und Südafrika zählen, wundern sich, überspitzt gesagt, dass wir hier ohne Pistole ins Schwimmbad gehen können. Dass es eine funktionierende Zivilgesellschaft gibt, in der öffentliche Räume nicht durch Gewalt bedroht werden und siche-res Leben auch außerhalb der Gated Communitys möglich ist. Dass wir relativ hohe Konsumstandards und ein hohes Niveau bürgerschaftlichen Engagements haben. Diese Zivilgesellschaft ist gefährdet, wenn Ungleichheiten weiter zunehmen.

Die Ungleichheiten waren vor den Neunzigerjahren kleiner. Warum?
Die Nachkriegszeit war die goldene Phase des demokratischen Kapitalismus, weil der Sozialstaat expandierte und dank steigender Löhne die gesamte Bevölkerung zu kaufkräftigen Konsumenten wurde. Auch die Arbeiter. Facharbeiter wurden verbürgerlicht, sie verloren ihre proletarische Kultur. Standardisierte Konsumgüter wurden in Massen produziert. Und weil es – im Vergleich zu heute – weniger Export gab, musste man den Arbeitnehmer gut entlohnen, damit er den Kühlschrank, die Stereoanlage und später den Mercedes kaufte. Wir hatten keine Reservearmee.

Was ist die Reservearmee?
Personen, die wirtschaftlich eigentlich überflüssig sind, die nicht mehr richtig eingebunden sind. In ökonomischer Hinsicht gehören sie zu den Verlierern in einer Gesellschaft. Man hat diese Leute aber in petto, weil man sie vielleicht irgendwann braucht. Früher, nach der Feudal-gesellschaft, im Frühkapitalismus, war das die ehemalige Landbevölkerung, die auf der Suche nach Arbeit in die Städte gewandert war, dort proletarisiert wurde und das Existenzminimum erwirtschaftete – wenn überhaupt. Heute sind es Leiharbeiter und Saisonarbeiter, die nur beschäftigt werden, wenn man sie benötigt.

Und in Deutschland braucht man den Konsumenten nicht mehr?
Wenn man eine Exportnation ist, so wie wir, findet man überall auf der Welt Absatzmärkte. Vor allem unsere Autos finden in China, den USA und vielen anderen Län-dern reißenden Absatz. Deutschland gilt als Exportweltmeister. Der starke Inlandskonsument ist dann nicht mehr wichtig.

Was für Folgen hat das?
Man braucht die Arbeitnehmer im eigenen Land immer weniger. Es kommt zu einem globalen Unterbietungswettbewerb bei den Löhnen. Unternehmen lagern ihre Produktionsstätten in Länder aus, in denen die Arbeiter weniger Rechte und soziale Sicherungen haben. In Deutschland hingegen fangen manche Arbeitnehmer verständlicherweise an, sich zu überlegen: Bevor ich mich in ausbeuterischen Jobs kaputtmache, gehe ich lieber auf Hartz IV – das ist nicht viel, aber ich habe auch keinen Schaden. Sie verlassen die Reservearmee. Und die Unternehmen versuchen in anderen Ländern ihr Glück. Global existieren die Reservearmeen von unterbezahlten Arbeitnehmern noch, aber wie lange?

Bleibt der Facharbeiter Teil der Mittelschicht? Wie setzt die sich heute zusammen, jenseits der überliquiden Erben?
Die Matrix sozialer Distinktion hat sich durch den Neoliberalismus ja sehr verändert: durch den Niedergang des Ostblocks, den Verlust einer alternativen Gesellschaftsordnung und die Globalisierung. Die Mittelschicht schimpft nicht mehr auf die Eliten, sondern möchte selbst dazugehören und grenzt sich eher nach unten ab. Neue Gruppen sind entstanden – wie die Kreativen in den Kultur- und Medienberufen. Die Kreativen wollen nicht spießig sein, machen sich lustig über die Gartenzwerge ihrer Eltern, sind aber selber kleinbürgerlich. Sie verdienen keineswegs besser als ihre Eltern, es geht ihnen eher schlechter. Und doch ist es genau diese Gruppe, die sich als erste in das neoliberale Projekt hat einbinden lassen.

Wie meinen Sie das?
Die Kreativen fühlen sich frei. Doch sie zahlen dafür einen hohen Preis: wenig zu verdienen und in unsicheren Verhältnissen zu arbeiten. Der Hype der Kreativberufe schafft auf Seiten der Arbeitgeber neue Möglichkeiten: Die Unternehmen geben unattraktive Jobs nun als »kreativ« aus, weil man sie, versehen mit dem Selbstverwirklichungsbonus, besser an den Mann oder die Frau bringen kann – und mit weniger Sicherheiten und Gehältern ausstatten muss. In der Werbebranche kann man das gut sehen: Den Gebrauchsgrafiker, der ursprünglich ein Handwerker war, tituliert man als Kreativen – und bezahlt ihn schlechter. Man flacht die Hierarchien ab, reduziert die Personalkosten und dünnt aus.

Würde es helfen, wenn die Mittelschicht sich solidarisieren würde?
Die Mittelschicht war nie eine richtige Solidargemeinschaft. Dazu war sie immer schon zu breit und vielfältig. Sie hat sich nie organisiert wie die Arbeiterklasse – außer vielleicht die Achtundsechziger, die kamen aus der Mittelschicht. Nein, da trifft eher die Künstlerideologie mit dem Neoliberalismus zusammen.

Inwiefern?
Die Künstler sagen: Jeder ist anders und hat sein individuelles Feld. Dadurch verbaut man sich die Möglichkeit, kollektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder Unterbezahlung vorzugehen. Künstler und Kreative sind selten in Gewerkschaften oder wirksamen Berufsverbänden organisiert. Das Gegenstück zu den kreativen Berufen stellen die Professionen dar: Professionsverbände wie der Ärzteverband oder der Verband der Hochschullehrer sind gut darin, für ihre Mitglieder gute Arbeitsbedingungen und Honorare oder Gehälter durchzusetzen. Die Kreativen haben das scheinbar nicht nötig.

Was folgt daraus?
Es gibt bei den Kreativen Gewinner und Verlierer. In Städten wie Berlin sieht man das: Einigen gelingt bis Mitte dreißig der Absprung in eine gesicherte Existenz. Die anderen werden mit zunehmenden Alter Schwierigkeiten bekommen.

Sie haben mal einen Text über zwei Frauen in dieser Lebensphase geschrieben, die lange an die Botschaft der autonomen Lebensführung geglaubt haben. Trotz guter Ausbildung schaffen sie in den 1990er-Jahren den Sprung in »gesicherte Lebensumstände« nicht.
Sie fühlen sich ausgestoßen und verachtet von ihrem eigenen Milieu, weil sie ja vermeintlich auch noch selbst schuld sind an ihrem Scheitern. Wobei natürlich keiner zugäbe, dass jemand ausgegrenzt wird, weil er den Sprung auf die andere Seite nicht mehr geschafft hat.

Woran liegt es, dass viele den Sprung nicht mehr schaffen?
In der Welt der Hochschulen konnte man früher lange auf dem Ticket fahren: ab und zu mal eine Wissenschaftliche-Mitarbeit-Stelle, dann zwei Jahre arbeitslos. Es gab viele Alternativen zu einer gesicherten Beschäftigung, an den Unis oder durch ABM-Maßnahmen oder durch die Arbeit im sozialen Bereich. Dann wurden viele dieser Beschäftigungsnischen geschlossen, es stellte sich die Frage: Wie sieht der Rest meines Arbeitslebens aus? Kriege ich später überhaupt Rente? Einerseits zollen die Leute aus dieser Generation immer noch der autarken Lebensführung Respekt. Andererseits sind sie ungnädig mit denen, die auf keinen grünen Zweig kommen.

Sind die Kreativen also jetzt treue Diener des Neoliberalismus?
Ich glaube ja. Und das ist der Trick an der Sache. Das haben die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Werk Der neue Geist des Kapitalismus herausgearbeitet: Die einst gegenkulturell formulierten Ideale wie Autonomie, Emanzipation, Eigenverantwortung, Freiheit, Kreativität sind vom kapitalistischen Mainstream vereinnahmt worden. Sie enthalten kein Widerstandspotenzial mehr. So erkläre ich mir auch die Wiederkehr der Konformität, den Neokonservatismus: als Abwehr von neoliberalen Freiheitszumutungen. Kreativ zu sein und eigenverantwortlich zu handeln ist heute nicht mehr subversiv, sondern gehört zu den von Arbeitgebern geforderten Tugenden. Diese Attribute sind auf die Seite des Kapitalismus gewandert. Deshalb sagen gerade jüngere Menschen jetzt: Wir möchten nicht mehr frei sein, wir möchten Tradition. Sicherheit. Etwas, was bleibt. Gesetze und Verbote. Das, was heute knapp und kostbar erscheint, ist nicht mehr die Freiheit, sondern die Bindung. Sicherheit. Manchmal führt dies zu regelrechten Abwehrreaktionen: Alles, was die Achtundsechziger-Generation als Werte eingeführt hat – sexuelle Toleranz, Vielfalt, Befreiung –, wird verteufelt. Nicht nur bei den Rechten, auch in der sogenannten Mehrheitsklasse, im Mainstream der Bevölkerung.

Führt das zu einer unpolitischen Haltung?
Im Generationenvergleich schon. Meinungsumfragen wie zum Beispiel die Shell-Jugendstudie zeigen, dass sich die jüngere Generation oft ins Private zurückzieht. Sie konzentrieren sich darauf, persönlich weiterzukommen, und setzen sich dadurch weniger mit Politik auseinander.

Welche Generation meinen Sie?
Generation Maybe. Die Generation der nach 1975 Geborenen. Sie sind die erste Generation, die mit den Folgen der Globalisierung aufwächst und unter sehr viel schlechteren Bedingungen in das Erwerbsleben einsteigt als ihre Eltern. Dennoch wollen die jungen Leute ihre Probleme nicht im gesellschaftlichen Rahmen deuten. Es liegt an einem selber, ob man die richtige Entscheidung trifft. Das heißt nicht, dass man sich nicht für Wirtschaft interessiert, aber man verknüpft das eigene Leben nicht damit. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich die jüngeren Generationen gern von den älteren distanzieren. Die Babyboomer sind mit Ostermärschen, Feminismus und AKW-Bewegung aufgewachsen. Die nachfolgende Generation misstraut diesen Ideologien zutiefst. Und manchmal vielleicht auch zu Recht. Denn das, was den Achtundsechzigern vorgeschwebt hat, tritt den Jüngeren jetzt als geronnene Herrschaftsstruktur gegenüber. Linke Haltungen werden heute häufig von denen gepredigt, die auf den gesellschaftlichen Logenplätzen sitzen. Zum Beispiel von den Achtundsechzigern, die sich in guten Positionen befinden und die Jungen schlecht bezahlen. Weil sie überhaupt keine Lust haben, ihre Privilegien mit den Jüngeren zu teilen oder an Ausgegrenzte abzugeben. Das erzeugt Misstrauen.

Sie schreiben: Vielleicht gelingt es einer nachfolgenden Generation, die Mittelstandslogik zu überwinden. Welche Generation wäre das?
Es könnte sein, dass die Kinder der Jüngeren, der heute so Angepassten, sich politisieren. Die Generation, die jetzt in den Startlöchern steht, ist nicht mehr zu politisieren. In Zeiten wie diesen gibt es zu wenige Haltepunkte, um sich zu formieren. Der Umbruch ist ja da und wirklich beängstigend. Wenn die Gesellschaftsordnung, die jetzt im Entstehen begriffen ist, sich etabliert, wenn man sieht, wie die Kräfteverhältnisse sind, kann man sich wieder kritisch positionieren.

Mein Sohn ist 21 und will Ökologe werden. Ein Professor sagt, die Hälfte seiner Studenten seien Vegetarier. Das ist doch politisch.
Ein bisschen schon. Was fehlt, ist eine konkrete Alternative zur heutigen Gesellschaftsordnung. Wobei man auch sagen könnte: Diese Generation ist pragmatisch. Wenn sie sich politisch betätigt, dann nur, wenn sie einen unmittelbaren Erfolg sieht. Die Jüngeren wagen keine Utopie, keinen wirklichen Gegenentwurf. In Grabenkämpfe und Statuskämpfe klinken sie sich nicht ein. Aber das wäre Politik.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43404/Freiheit-ist-kapitalistischer-Mainstream

rock: massgeschneidert, japanischer schnitt!

Mittwoch, den 8. Juli 2015

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Die Erfolgsgesellschaft und die Erfolglosigkeit////Scheitern am Scheitern

Sonntag, den 31. Mai 2015

Am Rand der Erfolgsgesellschaft – wenn die Handlungsmöglichkeiten gegen null gehen und das Leben nur noch aus Folgen von Folgen von Folgen besteht.

Aus den Geisteswissenschaften stammt die Einsicht, dass sich die Bedeutung eines Begriffs nicht aus diesem selbst erschliesst, sondern erst aus dem Verhältnis, das ein Begriff zu anderen hat. Dies trifft auch auf das «Scheitern» zu, das sich grundlegend aus der Unterscheidung erklärt, die Scheitern gegenüber seinem Gegenteil bezeichnet. Die Negativität des Scheiterns, die uns dazu veranlasst, Scheitern zu vermeiden, tritt erst dadurch hervor, dass ihm als Gegenpol der Erfolg gegenübersteht, der im Unterschied zum bedrohlichen Scheitern gewöhnlich von allen angestrebt wird.

Scheitern setzt Handeln voraus, und Handeln strebt nach Erfolg. Erfolg und Scheitern sind daher fest miteinander verbunden. Nur wo gehandelt wurde, kann man auch scheitern, an eigenen Zielen oder Ansprüchen, an widrigen Umständen, am Widerstand anderer Akteure und schliesslich auch an sich selbst. Je nachdem, worin jemand seine Ziele verfehlt, sprechen wir von Misserfolg oder Misslingen, wenn ein Scheitern sich hinsichtlich einer Sache vollzieht; von Niederlagen, wenn das Scheitern den negativen Ausgang eines Wettstreits betrifft; von Versagen, wenn ein Scheitern als selbstverschuldet charakterisiert werden soll.

Wie ein Schiff zerbirst

Gleichwohl hebt sich Scheitern vom einfachen Misslingen gravierend ab. «Scheitern» entstammt der nautischen Welt und geht auf das «Zerscheitern» eines Schiffes zurück, das an einem Felsen zerbirst und in einzelne Holzscheite zerfällt. Das auf diese Weise «gescheiterte» Schiff löst sich in seine Bestandteile auf und ist unwiederbringlich verloren. – Im Unterschied zu blossen Misserfolgen, die demnächst wieder korrigiert werden könnten, steht beim Scheitern infrage, ob es überhaupt weitergeht, nachdem das Schiff des Lebens auf Grund gelaufen ist. Lebenspraktisch nimmt die Dramatik des Scheiterns dabei zumeist unterschiedliche Intensitätsgrade an. Wer bestimmte Handlungsziele verfehlt, wird mit einzelnen Fehlschlägen konfrontiert. Die geplante Karriere dahin, die Ehe zerrüttet, das Eigenheim unter dem Hammer. Scheitern heisst dann, dass in bestimmten Sinnbereichen des Lebens die Handlungsmöglichkeiten enden.

Doch solange überhaupt noch gehandelt werden kann, bleibt Scheitern nur auf einzelne Lebensinhalte bezogen und häufig auch zeitlich begrenzt. Anders jedoch, wenn ein Scheitern das Ende aller Handlungsmöglichkeiten bezeichnet und man in eine Lebenslage gerät, die keine Anschlüsse mehr kennt und jedes Handeln unmöglich macht. Dies geschieht typischerweise, wenn mehrere Fehlschläge zusammenkommen und zu einem persönlichen Niedergang und einer Lebenskrise führen, aus der man alleine und vielleicht selbst mit Hilfe anderer nicht mehr herausfinden kann.

Dieses absolute Scheitern, das nicht limitiert ist durch Kontinuitäten in anderen Lebensbereichen, löst nicht nur alle Handlungspläne in nichts auf, sondern lässt auch die Person des Scheiternden selbst grössten Schaden nehmen. Wer so scheitert, wird in jeder Hinsicht auf null gesetzt. In der Sachdimension des Handelns fehlen alle Mittel und Ressourcen, um noch irgendein eigenes Ziel in Angriff nehmen zu können. In der Zeitdimension ist dem Scheiternden der Handlungshorizont abhandengekommen – alles wird kontingent. In der Sozialdimension führt es zu einer zunehmenden Isolation, und in der Sinndimension des Handelns tritt ein persönlicher Bedeutungsverlust ein, da nichts im eigenen Leben noch die Wertigkeit hat, die ihm einst zugemessen wurde.

Handlungsunfähigkeit, fehlende Anschlüsse und Sinnverlust sind die wichtigsten Merkmale des Scheiterns, wenn es als absoluter Endpunkt eintritt. Es stellt die ganze Identität einer Person infrage und am Ende nicht selten die Person selbst, die psychisch und physisch zunehmend verfällt. Derartiges Scheitern scheint uns eine existenzielle Erfahrung zu sein, die verschiedenste Kulturkreise und geschichtliche Zeiten umfasst. Doch bedarf es gewisser historischer Voraussetzungen, um Scheitern wie heute als Zusammenbruch einer Biografie zu empfinden.

Vor dem Anbruch der Moderne wurde Scheitern kaum als persönliches Versagen oder als Misslingen individueller Handlungspläne begriffen. Die Geschicke des Lebens schienen dem kollektiven Bewusstsein nicht verfügbar zu sein. Wem durch Stand, Glaube oder Geschlecht der Platz im Leben unabänderlich zugewiesen wurde, der vermochte keine Ambitionen zu entwickeln, an denen er oder sie scheitern konnte. Erst in der Moderne entwerfen sich Erwartungen und Pläne in eine noch unbekannte Zukunft hinein, die durch eigenes Tun handelnd erreicht werden soll. Und erst durch diese Öffnung in das Unbekannte entsteht die Gefahr, durch Verfehlen seiner Ziele sich selbst zur Enttäuschung zu werden.

Wettbewerbe und Bilanzen

Auch erlebt niemand sein Scheitern als ein überzeitliches Phänomen oder so, als ob sich die anthropologische Konstante des Misslingens rein zufällig die eigene Person ausgesucht hätte. Anlässe, Folgen und Bewertungen des Scheiterns sind stets von konkreten Umständen geprägt, die keine Universalien sind. Auch der Gegenpol des Scheiterns – das erfolgreiche Handeln, schlichtweg: der Erfolg – ist keine Kategorie von zeitlos gleicher Gültigkeit. In der modernen Gesellschaft hat Erfolg eine allgemeine Kulturbedeutung angenommen, als eine Art Pflicht, will man mit gesellschaftlicher Anerkennung rechnen. Kaum je ist es so alltäglich geworden, sich beruflich oder privat gegenseitig Erfolgsbilanzen zu präsentieren, um die Wertigkeit des eigenen Selbst zu betonen und den persönlichen Vorrang zu unterstreichen.

Doch Erfolg und Scheitern bedingen einander und steigern sich gegenseitig. Je süchtiger eine Gesellschaft nach dem Erfolg greift, umso mehr Konkurrenten wetteifern um ihn, was in der Folge eine zunehmende Anzahl von Akteuren leer ausgehen lässt. Je grossartiger Erfolge aufzutrumpfen versuchen und je bedeutsamer sie für den gesellschaftlichen Status sind, umso deprimierender der Misserfolg, mit dem sich ein persönliches Scheitern ankündigen kann.

Die entscheidende Ursache hierfür liegt in der Herausbildung einer modernen Wettbewerbsgesellschaft. Einander im Modus des Wettbewerbs zu begegnen und andere wie sich selbst im Hinblick auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu bewerten, ist mittlerweile zu einer alltäglichen Praxis geworden. Die zeitlichen Abstände, in denen sich Personen beruflichen Wettbewerben ausgesetzt sehen, haben sich erheblich verkürzt. Wer beim erfolgreichen Eintritt in eine berufliche Position bisher eine gewisse Sicherheit erlangt hatte, sieht sich heute nach kurzer Zeit wieder zur Disposition gestellt. Im Wettbewerb erreichte Positionen werden viel seltener dauerhaft, sondern müssen immer wieder aufs Neue erkämpft werden. Im Arbeitsleben schlägt sich der zunehmende Wettbewerbsdruck in engmaschigen Leistungs- und Erfolgskontrollen nieder, die den Einzelnen dem Gefühl ständiger Bewährungsproben aussetzen und damit auch der anhaltenden Gefahr des Scheiterns.

Wettbewerbe sind Ausscheidungskämpfe und daher notwendigerweise damit verbunden, dass sie Verlierer produzieren. Besonders zahlreiche Verlierer werden erzeugt, wenn die Gewinne allein denjenigen zufallen, die sich am erfolgreichsten durchsetzen konnten, während viele vollkommen leer ausgehen. Märkte, auf denen die Gewinner alles bekommen, werden von einer Konkurrenz beherrscht, die geradezu eine grosse Zahl von Verlierern erzwingt. Weil in der heutigen Gesellschaft mehr und mehr allein Marktregeln regieren, werden auch Sozialschichten den Risiken von Wettbewerben ausgesetzt, die sich früher noch vergleichsweise sicher fühlen konnten. Dies ist der Grund für die stetig wachsende Zahl jener, die vom Scheitern bedroht sind oder zumindest fürchten müssen zu scheitern, wenn sie die Bewährungsproben der Märkte nicht sicher bestehen.

Der Fluchtpunkt aller Wettbewerbe ist der Erfolg, das heisst das Sichdurchsetzen gegenüber Konkurrenten, wodurch sich gesellschaftliche Vorteile einstellen sollen. Zur ostentativen Sichtbarkeit von Erfolgen tragen ungewollt die Erfolglosen bei, weil nur im Vergleich mit den Gescheiterten Erfolg eine besonders starke Unterscheidung ausdrückt und triumphale Züge annehmen kann. Nicht verwunderlich ist, dass in einer solchen Kultur des Erfolgs das Scheitern zum Stigma wird und zu einer seelischen Last. Scheitern fällt auf das eigene Selbst zurück, für das in der Wettbewerbsgesellschaft das Prinzip der Eigenverantwortung gilt. Dadurch verbindet sich Scheitern mit dem Gefühl individuellen Versagens und der Scham darüber, nicht gut genug gewesen zu sein, sich überschätzt zu haben, persönliche Defizite aufzuweisen.

Drei Varianten

Die moderne Pflicht zum Erfolg holt daher am Ende noch ihren Gegenpart ein, und so kandidiert heute das Scheitern selber dafür, erfolgreich bewältigt zu werden. Unter den drei Varianten des Scheiterns, die wir gegenwärtig beobachten können, ist mithin jene die auffälligste, die sich als die heroische Version des Scheiterns bezeichnen lässt. Ihre Losung lautet «Scheitern als Chance» oder – wie jüngst ein Coaching-Seminar in Frankfurt ankündigte – «Scheitern als Kraft auf dem Weg zu Wachstum, Aufbruch und Erneuerung».

In seiner heroischen Variante gilt Scheitern «als Voraussetzung für künftige Erfolge», wie dies im Wirtschaftsmagazin «Brand eins» hiess, das dem Scheitern unlängst ein ganzes Heft gewidmet hat. Scheitern, so kann man hier lesen, sei ein «unverzichtbares Momentum für den Erfolg» und wichtiges Element einer «Gründer-Kultur», weil Wagnis und Risiko zur DNA der Marktwirtschaft gehörten. Auch dürfe Scheitern kein Makel sein, weshalb wir eine «Kultur des Scheiterns» brauchten. Damit ist in der Regel allein das unternehmerische Risiko gemeint, das durch die heutigen Insolvenzregeln und betriebliche Rechtsformen vergleichsweise abgesichert ist.

Scheitern nimmt sich hier als Leistungsnachweis aus, als kathartische Etappe auf dem Weg zum Erfolg. Und wenn es am Ende trotzdem nicht klappen sollte, steht das verwandte Sinnmuster des tragischen Scheiterns bereit, das schicksalsträchtig vorgibt, an einer Aufgabe verzweifelt zu sein, die niemand bewältigen könne, und sei es nur eine falsche Regierung. Der Vorsitzende der deutschen FDP, Christian Lindner, hat in einem solchen Format vor einigen Monaten seine sogenannte Wutrede im Düsseldorfer Landtag gehalten, in der er sich zum unternehmerischen Scheitern bekannte. Seine 2001 pleitegegangene Internetfirma hatte 1,4 Millionen Euro von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau an Förderkrediten erhalten, für deren Verlust freilich der Steuerzahler einstehen musste – so viel zum unternehmerischen Risiko.

Eine weitere Sinnvariante des Scheiterns stellt die ironische Weise dar, mit dem eigenen Schiffbruch umzugehen. Hier lautet die Losung «schöner scheitern», womit die persönliche Erfolglosigkeit zur Lebenskunst weiterentwickelt werden soll. Verstärkt durch eine kulturelle Strömung, die die Kunst des Verlierens entdeckt, nimmt der notorische Pechvogel so etwas wie einen Kultstatus ein. Dessen cineastische Ikone im zeitgenössischen deutschen Film ist etwa der Ostberliner «Wendeverlierer» Jaeckie Zucker, den Dani Levy 2004 in seiner Komödie «Alles auf Zucker!» in Szene gesetzt hat. Eine Kultstätte des ironischen Scheiterns ist bis heute der «Club der polnischen Versager», der in der Berliner Ackerstrasse beheimatet ist.

Der ironische Entwurf des Scheiterns entlastet die eigene Person dadurch von Vorwürfen, dass die Ursache von Fehlschlägen in der Kontingenz des Lebens selbst gesucht wird, die nicht nur jeden treffen kann, sondern auch Abenteuer verspricht. Indem das «schöner scheitern» das gesellschaftliche Erfolgsprogramm gleichsam als eine umgekehrte Sinnvariante zelebriert, legt es aber andererseits Zeugnis davon ab, wie stark es an die Pflicht zum Erfolg doch selber gebunden ist.

«Folgen von Folgen von Folgen»

Die dritte Variante des Scheiterns schliesslich ist jene, von der in der deutschen Gegenwartsliteratur etwa Thomas Melles Roman «3000 Euro» erzählt. Er hat den Absturz eines verschuldeten Ex-Jurastudenten zum Thema, der schliesslich in der Obdachlosigkeit landet. Merkmal dieses profanen Scheiterns ist es, gerade keine Losung vor sich hertragen zu können, ja häufig kaum erzählbar zu sein – es sei denn in einem eindringlichen Roman. In «3000 Euro» berichtet der Protagonist: «Es gibt keine Ereignisse mehr, es gibt nur noch Folgen in meinem Leben, und Folgen von Folgen von Folgen, die das Leben ins Unerträgliche verzinsen.» Was hier zum Ausdruck gebracht wird, ist Scheitern als vollkommenes Fehlen von Anschlussfähigkeit; das frühere Leben findet keine Fortsetzung mehr, weil es von den «Folgen von Folgen von Folgen» restlos aufgezehrt wurde.

In krassem Gegensatz zum Versuch, Scheitern als Innovationsmotor der Wettbewerbsgesellschaft darzustellen und in einen Wertbeweis der Leistungsgesellschaft umzudeuten, ist hier ein absoluter Nullpunkt völliger Handlungsunfähigkeit erreicht. Eine solche Erfahrung eignet sich weder für Heroismus noch für Ironie. Da solches Scheitern zudem häufig schleichend einsetzt, vergleichsweise banale Vorfälle plötzlich bedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen, kleine Fehler grosse Auswirkungen haben, gibt das banale Scheitern keinen Stoff für erbauliche oder unterhaltsame Geschichten ab. Gerade die Trivialität der Umstände des Scheiterns lässt den Scheiternden häufig ratlos bei der Frage nach den Ursachen zurück, die ihn am Ende immer nur wieder mit sich selbst und dem eigenen Versagen konfrontiert.

Inmitten einer Kultur des Erfolgs, die noch das Gegenteil des Erfolgs für sich zu verwerten versucht, nimmt der profane, alltägliche, sensationslose Niedergang die paradoxe Gestalt einer erfolglosen Form des Scheiterns an, eines Scheiterns am Scheitern, für das es kaum eine Erzählung, kaum eine Öffentlichkeit, kaum eine Entschuldigung und kaum eine Nachsicht gibt.

Prof. Dr. Sighard Neckel lehrt Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung. Jüngste Buchpublikation, zusammen mit Greta Wagner: «Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Leistungsgesellschaft» (Suhrkamp 2013).

www.nzz.ch/feuilleton/scheitern-am-scheitern-1.18551874

Master mit 1,6///////Leben mit Hartz IV (Artikel aus der SZ)

Sonntag, den 1. März 2015

Ist Armut erblich? Eine junge Leserin berichtet, wie Hartz IV sie seit ihrer Kindheit nicht loslässt - trotz Studiums, guter Noten und Arbeit.

Dieser Beitrag im Blog unseres Projekts Die Recherche, das sich derzeit den Themen Arbeit und Ausbeutung widmet, stammt von einer jungen Leserin. Jasna, die nicht unter ihrem vollen Namen veröffentlichen möchte, berichtet von ihren Erfahrungen mit Armut und Hartz IV, die sie seit der Kindheit begleiten - trotz Einser-Abschluss, Berufserfahrung und einer Auszeichnung:

Seit meinen Großeltern bin ich die Erste, die einen Studienabschluss hat und die Erste in meiner Familie, die ihn in Deutschland gemacht hat. Meinen Master in Germanistik habe ich mit 1,6 abgeschlossen, mit 24 Jahren. Das war vor fast einem Jahr. Aber ich finde keine Festanstellung und bekomme seit Herbst Hartz IV.

Seit mehr als einem Jahr schreibe ich Bewerbungen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, als Social-Media-Redakteurin, politische Referentin und Lektorin. Bisher bekam ich immer nur Absagen. Ein einziges Mal hatte ich ein Vorstellungsgespräch und das auch nur für ein Praktikum. Alle Absagen sind immer nett formuliert, meine Bewerbungen gefallen den Leuten in der Personalabteilung anscheinend, aber sie laden mich nicht ein.

Manchmal heißt es auch, dass ich noch zu wenig Arbeitserfahrung hätte und mich auf Praktikumsstellen bewerben soll. Da ich mein Studium bereits abgeschlossen habe, müsste mir seit Anfang des Jahres der Mindestlohn gezahlt werden. Aber das wollen die Firmen natürlich vermeiden und stellen fast nur noch Studierende ein, die ein Pflichtpraktikum absolvieren müssen, bei dem der Mindestlohn nicht anfällt.

Ein Pflichtpraktikum war in meinem Studiengang aber nicht vorgesehen. Und weil ich nebenher ohnehin immer arbeiten musste, um meinen Lebensunterhalt zu sichern, konnte ich meine Arbeitskraft auch nicht länger als 14 Tage kostenlos zur Verfügung zu stellen. Branchenbezogene Berufserfahrung während des Studiums ist oft ein Privileg für Studenten, die finanziell von ihren Eltern unterstützt werden, die nicht arbeiten oder auf die Regelstudienzeit achten müssen. Deren Überschreitung bedeutet, kein Bafög mehr zu bekommen.

Wie Hartz IV traumatisiert

Ich habe Zweifel, ob meine Bewerbungen auf richtige Jobs erfolglos sind, weil mir Berufserfahrung fehlt. Ich war ehrenamtlich im politischen Bereich tätig, ich habe immer neben dem Studium gearbeitet. Ich blogge regelmäßig, um aus dem Schreiben nicht rauszukommen, und einer meiner Texte wurde bereits in einem Buch veröffentlicht. Und auch jetzt arbeite ich ja - ich kann bloß nicht davon leben.

Das ist nicht meine erste Erfahrung mit Armut: Ich stamme aus einer Hartz-IV-Familie, meine Eltern müssen aufstocken, um über die Runden zu kommen, und waren in meiner Kindheit viele Jahre arbeitslos. Die Angst, nach dem Studium in Hartz IV zu fallen, war bei mir größer als bei anderen. Hartz IV traumatisiert. Experten glauben, dass Armut vererbt wird - was, wenn sie recht haben?

Als ich klein war, bekam ich zu hören, dass mir mit Gymnasiallaufbahn und einem Studium alle Türen offen stehen würden. Eine gute Ausbildung sei der sicherste Weg in einen guten Job. Rückblickend erscheint mir die Idee geradezu absurd, schließlich wuchs ich mit einem Vater auf, der drei Berufsausbildungen hatte und trotzdem irgendwann keine Anstellung mehr bekam.

In der Schule wurde ich von meinen Mitschülern gequält, weil ich aus einer armen Familie komme. Noch heute lächeln die meisten Menschen seltsam, wenn ich erzähle, dass ich aufstocken muss. “Ah, das ist so eine, die wahrscheinlich nichts gelernt hat”, denken sich wohl viele. Selbst wenn ich nichts gelernt hätte, stünde mir ein lebenswertes Auskommen zu. Aber ich habe studiert und umfangreiche Erfahrungen gesammelt, die auch für Personalabteilungen interessant sein könnten.

Zum Leben zu wenig

Stattdessen reise ich durch ganz Deutschland und mittlerweise auch ins Ausland, um für miese Honorare Vorträge über feministische Gesellschaftspolitik, Aktivismus und Gewalt im Netz zu halten. Ich darf neben Hartz IV 100 Euro pro Monat dazuverdienen, von jedem weiteren Euro darf ich 20 Prozent behalten. Nach zwei Jahren Vortragserfahrung bekomme ich langsam ein Gefühl dafür, was meine Arbeit wert ist. Ich korrigiere meine Honorare vorsichtig nach oben, um mich nicht unter Wert zu verkaufen und anderen nicht den Markt kaputt zu machen.

Aber ich verdiene trotzdem zu wenig, um davon leben zu können, und muss am Ende nur mehr ans Jobcenter abgeben. Wenn ich dann am Wochenende zur Hochzeit einer Freundin am anderen Ende Deutschlands oder über die Weihnachtstage zu meinen Eltern fahren möchte, muss ich einen Antrag stellen und mich, sobald ich zurück bin, persönlich beim Jobcenter melden. Als “Kundin” dort stehen mir nur 30 Tage “Ortsabwesenheit” im Jahr zu - Wochenenden und Feiertage eingeschlossen.

Mit den 100 Euro, die ich monatlich dazuverdienen darf, zahle ich den Teil meiner Miete, der aus bürokratischen Gründen nicht komplett vom Jobcenter übernommen wird. Da ist selten Geld übrig, um nach einem Vortrag mit den Auftraggebern noch was trinken zu gehen und dabei vielleicht den nächsten Auftrag zu bekommen.

Lernen, wie man einen Computer einschaltet

Ich kann verstehen, wenn Menschen sich vom Jobcenter ungerecht behandelt oder alleingelassen fühlen. Als ich meinen ersten Antrag nach SGB II, also auf Hartz IV, stellte, wurde ich direkt in einen zweitägigen Bewerbungskurs gesteckt: Wir sollten lernen, wie die Jobsuchmaschine der Arbeitsagentur funktioniert. Die funktioniert wie jede andere Jobsuchmaschine auch und wer sich regelmäßig im Internet bewegt, kann eigentlich wenig falsch machen.

Ich bin eine der Initiatorinnen des Hashtags #aufschrei, der mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde; ich leite Social-Media-Workshops und diskutiere auf Podien unter anderem über Onlinekommunikation. Meine Vorerfahrungen wurden aber nicht berücksichtigt bei der Auswahl des Kurses, den zu besuchen ich verpflichtet war. Also starrte ich zwei Tage lang auf einen Bildschirm, während der Großteil der Kursteilnehmer lernte, wie der Computer eingeschaltet wurde.

Ich habe in einem Alter mein Studium abgeschlossen, in dem andere nicht wissen, was sie überhaupt studieren sollen. In dem wieder andere schon die Hände von Mamis Vorgesetzten geschüttelt haben oder mit wichtigen Leuten Kaffee trinken gehen, weil sie schon als Kinder auf deren Schoß gesessen haben. Ich bin kein Akademikerkind und so fehlt mir das Wichtigste, um erfolgreich zu sein: gute Beziehungen.

Der Gedanke, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur anstrengen, ist ein neokapitalistisches Märchen. Er blendet aus, dass Menschen unterschiedliche Startpositionen haben und welche Diskriminierungsstrukturen es gibt.

Um im Berufsleben erfolgreich zu sein, spielen informelle Kriterien eine große Rolle: Wer sich souverän in akademischen Kreisen bewegt, kommt besser an als Menschen, die dort neu sind. Was mir und anderen in ähnlichen Situationen fehlt, ist nicht der Wille - es sind Netzwerke, Wissen über soziale Codes und positive Erfahrungen. Ich habe keine Ahnung, wie andere berufliche Kontakte knüpfen und wie ich mich auf Veranstaltungen verhalten soll, auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen. Wer aus einer nicht akademischen Familie den Weg an die Uni fand, kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören.

www.sueddeutsche.de/wirtschaft/die-recherche-zu-arbeit-master-mit-leben-mit-hartz-iv-1.2365940

VORMERKEN: veranstaltung des museums für angewandte kunst

Dienstag, den 30. Dezember 2014

Samstag, 03. Januar 2015

14 - 15 Uhr

Lebensraum Bahnhofsviertel – Stadtvierteltour zur Ausstellung Give Love Back. Ata Macias und Partner mit Julia Mantel und Meltem Toprak. Treffpunkt im Museumsfoyer.

Druck auf die Schwächsten erhöht

Montag, den 29. Dezember 2014

“Hartz IV war für viele ein richtiger Absturz”- das meint der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Mit der Reform, die vor zehn Jahren in Kraft trat, sei der Druck auf die Schwächsten in der Gesellschaft gestiegen, sagte er im DLF. Das habe die damaligen Regierung unter Gerhard Schröder so gewollt.

Ziel der damaligen Regierung sei nicht gewesen, dass mit Hartz IV gefordert und gefördert werde - sie wollte den Niedriglohnsektor ausbauen, meint Butterwegge: “Gerhard Schröder hat sich und seine rot-grüne Koalition auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2005 dafür gelobt, mit der Einführung einen der effektivsten Niedriglohnsektoren Europas geschaffen zu haben.”

Nachschub für den Niedriglohnsektor

Die Reform habe nur in Details Verbesserungen gebracht. Hauptsächlich aber schaffe Hartz IV immer weiter Nachschub für den Niedriglohnsektor, da die Leistungsbezieher jeden noch so schlecht bezahlen Job annehmen müssten. Außerdem kritisierte Butterwegge die scharfen Sanktionen, die bei Nichterfüllung der hohen Anforderungen drohten.

Der jetzt beschlossene Mindestlohn stellt für ihn keine Lösung dar. “Das wäre vielleicht vor zehn Jahren eine Möglichkeit gewesen, Hartz IV nach unten abzusichern.” Jetzt käme er erstens zu spät, außerdem sei er zu niedrig und kenne zu viele Ausnahmen.

Das Interview in voller Länge:

Jürgen Zurheide: Das Wort Hartz IV alleine, es spaltet. Auf der einen Seite sagen viele, das ist die Erfolgsgeschichte überhaupt, der Grundstein dafür, dass es Deutschland besser geht, die Arbeitslosigkeit gesunken ist und mehr Arbeitsplätze als je zuvor da sind. Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige, die sagen, es gibt mehr Minijobs, prekäre Beschäftigung, die Armut insgesamt in der Gesellschaft hat zugenommen, und sie sagen, das hat eben auch mit Hartz IV zu tun. Was ist nun richtig? Die Frage wird schwer zu beantworten sein. Wir wollen heute Morgen mit einem der Kritiker sprechen, der sagt und jetzt in einem Buch gerade noch geschrieben hat: “Auf dem Weg in die andere Republik”. Ich begrüße Christoph Butterwegge, Professor der Universität in Köln. Guten Morgen, Herr Butterwegge!

Christoph Butterwegge: Ja, guten Morgen, Herr Zurheide!

Zurheide: Herr Butterwegge, jetzt will ich Sie mal ganz bewusst fragen als jemand, der sich häufig und kritisch, nicht zuletzt jetzt gerade noch geäußert hat: Gibt es gar nichts, was positiv ist?

Butterwegge: Na, es gibt in dieser riesigen Reform auch kleine Details, die Verbesserung gebracht haben, zum Beispiel für Sozialhilfeempfänger, die jetzt Zugang haben zu den Leistungen der Bundesagentur für Arbeit. Also Vermittlungstätigkeiten, Beratung. Aber das hätte man mit einem Federstrich bewerkstelligen können, dieses Recht einzuräumen den Sozialhilfeempfängern, stattdessen hat man aber ein riesiges Gesetzespaket geschnürt, in dem ganz, ganz viele Verschlechterungen sind. Dass Menschen, die lange gearbeitet haben, eben nicht mehr wie bis zum 31. Dezember 2004 die Arbeitslosenhilfe bekommen auf der Grundlage ihres letzten Gehalts, beispielsweise wenn sie jahrzehntelang gearbeitet hatten, dann sichergestellt zu werden bis zur Rente, sondern jetzt bekommen sie nach relativ kurzer Zeit des Bezuges von Arbeitslosengeld I das Arbeitslosengeld II, anders ausgedrückt Hartz IV, auf dem Niveau der früheren Sozialhilfe. Und ich meine, das ist ein Absturz, der da erlebt worden ist für viele Hunderttausende. Was nicht aufgewogen wird durch einige kleine Detailverbesserungen.

Zurheide: Auf der anderen Seite, ich habe es auch gerade gesagt, es gibt mehr Beschäftigung, weniger Arbeitslosigkeit. Das führen Sie anders als viele zumindest der herrschenden wirtschaftspolitischen Kommentatoren nicht auf Hartz IV zurück und auf diese Reform?

Butterwegge: Nein, absolut nicht. Ich vermag gar nicht einzusehen, wenn im letzten Jahr in Deutschland mehr Kinder geboren worden sind und die Zahl der Störche zugenommen hat, beweist das eben nicht, dass der Klapperstorch die Babys bringt, sondern das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Dass wir relativ gut im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aus der globalen Finanz- und Weltwirtschaftskrise herausgekommen sind, das hat damit zu tun, dass man Konjunkturpakete aufgelegt hat, dass man noch einen halbwegs funktionierenden Kündigungsschutz hat, dass das Kurzarbeitergeld verlängert worden ist, dass es Arbeitszeitkonten in den Betrieben gab. Also alles Maßnahmen, die mit Hartz IV überhaupt nichts zu tun hatten. Und ich finde diesen Kurzschluss verwunderlich, dass überall in der Gesellschaft oder fast überall angenommen wird, Hartz IV sei dafür verantwortlich. Es gibt ganz, ganz viele Gründe anzunehmen, dass Hartz IV dazu überhaupt nichts beigetragen hat.

Zurheide: Jetzt sagen Sie, wir sind längst auf dem Weg in eine andere Republik, die prekären Beschäftigungsverhältnisse habe ich auch vorhin angesprochen. Rund ein Viertel, also fast so viel wie in den Vereinigten Staaten ist es inzwischen in der Bundesrepublik Deutschland. Warum hat das aus Ihrer Sicht mit Hartz IV zu tun?

Butterwegge: Ja, weil Hartz IV immer Nachschub für den Niedriglohnsektor erzeugt. Man hat ganz scharfe Zumutbarkeitsregeln mit Hartz IV eingeführt, man muss jeden Job annehmen, auch wenn er nicht tariflich oder ortsüblich bezahlt wird. Und das bedeutet natürlich, jemand ist gezwungen, eben auch solche prekären Beschäftigungsverhältnisse – Minijobs, Midijobs, Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge und Ähnliches mehr – anzunehmen, um die Erfordernisse zu erfüllen, die es bei Hartz IV gibt, um in den Leistungsbezug hineinzugeraten. Und es gibt ein scharfes Sanktionsregime zusätzlich. Also, wer Pflichtverletzung begeht, wer Stellen nicht annimmt oder Weiterbildungsangebote ausschlägt, der bekommt starke Abzüge, wenn er jung ist sogar beim zweiten Mal, alle Leistungen gestrichen, sowohl die Geldleistungen als auch die Zuschüsse für die Miete und die Heizkosten.

Zurheide: Auf der anderen Seite gibt es inzwischen den Mindestlohn, oder es wird ihn geben jetzt im kommenden Jahr. Wird damit nicht ein Grundkonstruktionsfehler, wenn man Ihnen denn folgt, wird der nicht beseitigt, den man eigentlich schon eher hätte beseitigen können, aber immerhin, er wird jetzt beseitigt … Wird der was ändern?

Butterwegge: Ja, das wäre vielleicht vor zehn Jahren eine Möglichkeit gewesen, Hartz IV gewissermaßen nach unten sozial abzusichern. Aber …

Zurheide: Klammer auf: Das ist übrigens nicht passiert, weil auch die Gewerkschaften das damals nicht wollten, das muss man, glaube ich …

Butterwegge: Ja, einige Gewerkschaften hatten Sorge um die Tarifautonomie. Aber ich denke, auch damals gab es schon Gewerkschaften wie die NGG, also Nahrung, Genuss, Gaststätten, die das gefordert haben, auch ver.di. Der Mindestlohn, wie er jetzt kommt von der Großen Koalition, der ist zu niedrig, der kommt zu spät und der kennt viele Ausnahmen. Und gerade für Langzeitarbeitslose, also die von Hartz IV Betroffenen, gilt der Mindestlohn ein halbes Jahr lang nicht. Und das bedeutet natürlich, es wird Drehtüreffekte geben. Das heißt, Unternehmen, die auf Lohn-Dumping setzen, werden Langzeitarbeitslose einstellen, ein halbes Jahr lang unterhalb des Mindestlohns von 8,50 Euro bezahlen, und dann einen neuen einstellen. Und das heißt, gerade Langzeitarbeitslose haben gar nichts vom Mindestlohn. Und auch die Aufstocker, also Menschen, die Hartz IV zusätzlich zu niedrigen Löhnen beziehen, auch die fallen – so sagt die Bundesagentur für Arbeit selbst – nur zu fünf Prozent aus Hartz IV heraus durch diesen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro. Er müsste einfach höher sein, um seine Funktion erfüllen zu können.

Zurheide: Was müsste denn aus Ihrer Sicht passieren, damit das, was die Initiatoren ursprünglich mal wollten – und wir wollen ja nun nicht unterstellen, dass sie das nicht wollten –, sie wollten fördern und fordern gleichzeitig, was müsste passieren, damit das wirklich geschieht und wirklich Menschen mehr in vernünftige Arbeit kommen?

Butterwegge: Na, also, erst mal würde ich das schon unterstellen. Und ich zeige in meinem Buch ja auch über Hartz IV und die Folgen, dass Gerhard Schröder beispielsweise in Davos auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar 2005 sich und seine rot-grüne Koalition dafür gelobt hat, dass man einen der effektivsten Niedriglohnsektoren in Europa geschaffen habe. Man wollte mit Hartz IV nicht die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen – heute ist jeder dritte Arbeitslose ein Langzeitarbeitsloser –, sondern man wollte die Löhne senken und man wollte dafür sorgen, dass Arbeitslose noch stärker unter Druck geraten. Fördern und fordern war das Versprechen, aber gefördert worden ist sehr wenig. Ich hätte den Vorschlag, dass man Geld in die Hand nimmt, um einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor zu schaffen. Aber dazu müsste man natürlich auch eine andere Steuerpolitik machen, nämlich die stärker heranziehen zur Finanzierung von sozialen Problemen, die sich das leisten können. Also Gutverdiener, Spitzenverdiener, Kapitaleigentümer, Unternehmer, Manager. Diejenigen, auf die man auch, als Hartz IV gemacht wurde, Druck hätte ausüben können. Man hat aber stattdessen Druck eher auf die Schwächsten in der Gesellschaft ausgeübt.

Zurheide: Das waren die Wertungen von Christoph Butterwegge, der Hartz IV sehr kritisch sieht. Bevor ich mich von ihm bedanke, sage ich: In einer Woche werden wir hier mit Wolfgang Clement reden, der hat das alles initiiert, der hat dann möglicherweise eine andere Sicht. Herr Butterwegge, ich bedanke mich heute aber für Ihre Sicht der Dinge!

Butterwegge: Bitte schön!

www.deutschlandfunk.de/zehn-jahre-hartz-iv-druck-auf-die-schwaechsten-erhoeht.694.de.html?dram%3Aarticle_id=307225

deutschlandfunk:”im fahrstuhl nach unten”

Samstag, den 16. August 2014

Meine Kinder sollen es einmal besser haben, dieser Wunsch ging vor allem im Nachkriegsdeutschland häufig in Erfüllung. Doch die Zeiten des sozialen Aufstiegs sind längst vorbei. Die deutsche Gesellschaft wird zu einer Abstiegsgesellschaft - und nicht einmal Bildung schützt davor.

Es war der 31. Dezember 1996, als Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Neujahrsansprache das deutsche Volk auf das kommende Jahr einstimmte:

“Der Sozialstaat muss umgebaut werden, damit er auf Dauer finanzierbar und erhalten bleibt. Seine Leistungen müssen den wirklich Bedürftigen zugutekommen.”

Was Kohl da aufgrund wirtschaftlicher Probleme ankündigte, bedeutete eine tiefgreifende Wende in der bundesdeutschen Sozialpolitik. Umbau des Sozialstaates, das hieß Kürzungen staatlicher Leistungen, neue Maßstäbe für zumutbare Arbeit, Eigenverantwortung für die Altersversorgung. Nichts war mehr so, wie die Deutschen es in den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik gewohnt waren, sagt der Ökonom und Soziologe Dr. Oliver Nachtwey von der Universität Trier:

“Das waren Jahrzehnte von einem exorbitanten Wirtschaftswachstum. Ein Wirtschaftswachstum, was es danach nie wieder gab. Und in dieser Zeit gab es nicht nur immense Reallohnzuwächse. Zwischen 1959 und 1989 haben sich die Reallöhne aller Arbeitnehmer etwa verdreifacht.”

Zudem, so Oliver Nachtwey, hatten in der frühen Bundesrepublik auch Menschen, die aus Arbeiterfamilien oder kleinen Angestelltenmilieus stamm-ten, Aufstiegschacen. Sie konnten sich weiterbilden und in der Gesellschaft Karriere machen.

“Meine eigene Familie ist ein Beispiel dafür. Mein Großvater war noch Fabrikarbeiter in einer Lampenfabrik im Ruhrgebiet. Mein Vater ist Ingenieur auf dem zweiten Bildungsweg geworden. Ich als drittes Kind in dieser Reihe hab dann schon einen normalen Universitätsabschluss gemacht und habe später promoviert.”

Gleichzeitig ist der 1975 geborene Soziologe aber auch schon ein Kind der Abstiegsgesellschaft, wie er sagt:

“Mein Vater hat noch ein unbefristetes gutes Arbeitsverhältnis. Ich bin ein moderner Akademiker, der sich von Kettenvertrag zu Kettenvertrag hangelt.”

Bildung, so Oliver Nachtwey, sei heutzutage kein Garant mehr für sozialen Aufstieg, ja nicht einmal dafür, dauerhaft zur Mittelschicht zu gehören.

“Man hat verschiedene Flaschenhälse eingezogen, zum Beispiel hat sich die Anzahl der Doktoranden, wenn man das Beispiel der Universitäten vorführt, in den letzten Jahren verdoppelt. Aber nicht die Anzahl der festen Mitarbeiterstellen, auf die man dann die Karriere hat aufbauen können. Und Ähnliches gibt es auch in vielen anderen Berufszweigen.”

Weniger Staat, weniger Vorsorge seit den 90ern

Seit den 1990er-Jahren wurde die bundesrepublikanische Gesellschaft kräftig umgebaut. Eine ideologische Wende ging durch die Politik. Man wollte weniger Staat, weniger öffentliche Vorsorge. Das bedeutete Privatisierung vieler Bereiche des öffentlichen Dienstes und Abbau von Sozialleistungen.

“Und ein starker Umbau der Unternehmen, die sich mehr und mehr am ’shareholder value’, das heißt am Aktienkurs orientieren. Und daraus hat sich ein immenser Druck auf das Arbeitsverhältnis entwickelt. Nämlich dass Unternehmen darauf setzen, Beschäftigte kurzfristig einstellen zu können und wieder loszuwerden. Das heißt sie wollen flexiblere Beschäftigung und natürlich auch weniger für diese Beschäftigung zahlen.”

Ab 1993 begannen die Reallöhne zu sinken, konstatiert der Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey. Und bereits seit Anfang der 80er-Jahre sank die Lohnquote. Also der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen, am gesamten Reichtum eines Landes.

“Und diese Lohnquote ist bis 1982 im Durchschnitt gestiegen. Seit 1982, als Helmut Kohl an die Regierung kam, seitdem sinkt auch die Lohnquote. Das heißt dieser Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen. Und deshalb kann man am Reichtumsanteil schon seit 1982 sagen, sind wir in einer Gesellschaft, wo die Arbeitnehmer zurückbleiben. Und seit den 90er-Jahren steigt auch die Armut wieder und gibt es einen Druck nach unten.”

Aber Widerstand von unten gab und gibt es kaum, sagt Dr, Philipp Staab vom Hamburger Institut für Sozialforschung:

“Das liegt unter anderem auch daran, dass die Leute natürlich an der kurzen Leine gehalten werden über zum Beispiel betriebliche Herrschaft. Also nicht nur befristete Verträge. Sie arbeiten in einem Unternehmen, das nicht freundlich gegenüber Betriebsräten eingestellt ist. All das führt nicht unbedingt dazu, Engagement zur Verbesserung der eigenen Lage zu fördern.”

Dienstleistungsproletariat ohne Berufsstolz

Der Soziologe hat sich mit Macht und Herrschaft in der Servicewelt beschäftigt. Mit dem sogenannten Dienstleistungsproletariat: Menschen, die für Reinigen, Pflegen, Sicherheit zuständig sind. Und die keine Lobby haben.

“Um uns rum wird zwar ständig geputzt, aufgeräumt, uns werden ständig Waren arrangiert, wenn wir in irgendwelche Supermärkte gehen. Aber nehmen wir diese Leute wirklich wahr? Ich glaube nicht. Weil die Leute hauptsächlich damit beschäftigt sind das, was wir gewohnt sind vorzufinden - Sauberkeit, Ordnung - zu reproduzieren.”

Genau dieses simple Wiederherstellen von Normalität erschwert es diesen Menschen, Berufsstolz und so etwas wie ein Klassenbewusstsein aufzubauen, sagt die Soziologin Friederike Bahl. Die Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung hat Lebensmodelle und Bewusstsein dieser Beschäftigten untersucht.

“Während wir in der einfachen Industriearbeit immer noch, trotz viel diskutiertem Mitgliederschwund, 39 Prozent der Beschäftigten haben, die gewerkschaftlich organisiert sind, ist der selbe Anteil im Bereich einfacher Dienstleistungsarbeit 18 Prozent.”

Dabei wäre gemeinsames Kämpfen bitter nötig, so Friederike Bahl. Denn trotz harter Arbeit, oft bis zu 50 Stunden in der Woche, stehen diese Leute am unteren Ende der Einkommensleiter.

“Das heißt mit monatlich rund tausend Euro netto nach Hause zu gehen.”

Leiharbeiter als Mitarbeiter zweiter Klasse

Aber nicht nur die einfachen Dienstleister werden in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. In großen Firmen ist es längst gang und gäbe, dass Kurzzeitbeschäftigte neben der Stammbelegschaft schuften, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey. In einem großen deutschen Automobilwerk erlebte er die vorbildlichen Arbeitsbedingungen für festangestellte Mitarbeiter.

“200 Meter weiter, auf dem gleichen Werksgelände, aber von einem Werksvertrags-zulieferer ausgeführt, der darüber hinaus das selbst nicht ausgeführt hat sondern Leiharbeiter eingestellt hat, arbeiteten Leiharbeiter, die nur zwei Drittel des Gehalts bekommen hatten, keine Klimaanlage hatten, ergonomisch nicht die gleichen Ausrüstungen hatten wie die anderen Arbeitnehmer. Das hat auf dem gleichen Werksgelände stattgefunden.”

Ähnliches, so Oliver Nachtwey, findet man inzwischen auch an öffentlichen Schulen. Zum Beispiel an Gymnasien in Baden-Württemberg.

“Da werden sie den alten Studienrat antreffen, der beamtet ist und mit 56 in den Vorruhestand gehen kann, hervorragend verdient und gute soziale Sicherungsleistungen hat. Und sie werden dort einen jungen angestellten Lehrerin oder Lehrer sehen, die jeweils in den Sommerferien wieder entlassen wird und überhaupt gar keine Perspektive auf Verbeamtung hat und dergleichen sozialer Sicherungsleistungen. Das ist, was wir derzeit mit dem Abbau der sozialen Bürgerschaft sehen.”

Soziale Staatsbürgerschaft. Ein Konzept, das auf den Soziologen Thomas Marshal zurückgeht und in der Bundesrepublik bis in die 70er-Jahre umgesetzt wurde. Es besagt, dass alle Bürger, egal welcher Klasse sie angehören, die gleichen zivilen, politischen und sozialen Rechte haben.

“Und was ich sehe, ist, dass diese soziale Bürgerschaft, die Integration ermöglicht, sukzessive seit den 90er-Jahren erodiert. Wichtige Elemente dieser Bürgerschaft wurden abgebaut, reduziert, umgeformt.”

Nicht einmal Bildung schützt vor Abstieg

So geht nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, sondern auch die zwischen den Festangestellten eines Unternehmens - die betriebliche Mitbestimmung praktizieren, Kündigungsschutz genießen und Karriere machen können - und denen, die ausgeliehen sind und befristet arbeiten und die diese Rechte nicht haben. Und, so Dr. Nicole Mayer-Ahuja, Soziologieprofessorin an der Universität Hamburg, es ist heutzutage nicht mehr nur eine Frage von Bildung, auf welcher Seite man sich befindet. Und zu welcher Schicht man gehört:

“Man erwirbt immer höhere Bildung. Aber was an Beschäftigungssicherheit, an Einkommensniveau und so weiter dabei herauskommt am Ende, ist nicht unbedingt vergleichbar mit dem, was die vorige Generation auf einer geringeren Grundlage von Bildung zum Beispiel erworben hat. Und ich glaube, dass das tatsächlich eine große Veränderung ist, wo Aufstiegshoffnungen auch enttäuscht worden sind und viel Verunsicherung sich auch breit gemacht hat.”

Statistisch gesehen seien seit den 80er-Jahren nicht nur die Normalarbeitsverhältnisse zurückgegangen. Auch die Normen, was normale Arbeit eigentlich sei, hätten sich relativiert, sagt die Sozialökonomin.

“Viele jüngere Leute erwarten nicht mehr unbedingt, dass sie in die Situation kommen könnten, ihr Erwerbsleben in einem Betrieb zu verbringen. Wir haben die Situation, dass gerade in der jüngeren Generation viele Beschäftigte auch sagen, ich will das eigentlich auch gar nicht mehr. Meines Erachtens sitzt man damit ein bisschen den Flexibilisierungsutopien auf, die in den 80er-Jahren vertreten worden sind, wo man sagte, Flexibilität ist doch für alle gut.”

So hat sich die Wirtschaft ihre Klientel des Arbeitnehmers herangezogen; Menschen, auf die man flexibel zugreifen kann. Und sie zusätzlich mit dem Adjektiv kreativ versehen. Flexibel und Kreativ. Gewissermaßen ein Label für moderne Arbeit, das für viele junge Leute attraktiv zu sein scheint. Dazu kommt eine mehr und mehr individualisierte Gesellschaft, in der Menschen Arbeitslosigkeit und unsichere Jobs nicht dem System anlaste,n sondern ihrem persönlichen Versagen. Das erschwert Solidarität. In allen westeuropäischen Gesellschaften. Die Sozioökonomin Nicole Mayer-Ahuja:

“Was zu hoffen wäre, wäre tatsächlich, dass wir in eine Situation kommen, wo diejenigen, die eben bei diesen jüngsten ökonomischen Entwicklungen auf der Strecke bleiben und die gibt’s auch in Deutschland, nicht nur in Südeuropa, dass diejenigen auch ein gemeinsames Bewusstsein von ihrer Situation bekommen und tatsächlich Widerstandpotenziale entwickeln und dann auch umsetzen.”

www.deutschlandfunk.de/sozialer-abstieg-im-fahrstuhl-nach-unten.1148.de.html?dram:article_id=294585

STADT DER TAUSEND FEUER von augst/ birke

Samstag, den 21. September 2013

„Das Laufband läuft, das Laufband läuft!“ – Die deutsche Arbeiterbewegung als Diskursmaschine, zwischen ihren Rädern das Individuum. Mit einem Großaufgebot an Frankfurter Sprechchoristen und vier Solo-Performern, Françoise Cactus, der Sängerin von Stereo Total, Hamburger-Schule-Performerin Bernadette La Hengst, dem Genialen Dilettanten Frieder Butzmann und Free-Jazz-Pionier Sven-Åke Johansson, nehmen Oliver Augst und John Birke den Begriff der Arbeit auseinander. Von Schweiß und glühendem Eisen in der „Stadt der tausend Feuer“ hin zu Softskills und 3D-Druckern in der postindustriellen Informationsgesellschaft. Heute ist das Arbeitsethos als Leitkultur noch übrig, ansonsten aber nötigt der Mangel an Arbeit zu neuen Konzepten: „Wir brauchen keine Arbeit, wir haben immer was zu tun“, singt Bernadette La Hengst.

Mit Frieder Butzmann, Françoise Cactus, Bernadette La Hengst, Sven-Åke Johansson und großem Sprech-Chor * Text: John Birke * Komposition, Bühne: Oliver Augst * Regie: Augst/Birke * Live Mix: Marcel Daemgen * Produktionsleitung: Jenny Flügge * Chorleitung: Marcus Rüdel * Mit Sprechchortexten aus „Der gespaltene Mensch“ von Bruno Schönlank, 1927 * Eine Koproduktion von textXTND, dem Künstlerhaus Mousonturm und dem Musiktheater im Revier (MIR) Gelsenkirchen * Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Aventis Foundation, Innovationsfonds Baden-Württemberg * In Zusammenarbeit mit dem hr/SWR und der Alten Feuerwache Mannheim.

ich bin teil des sprech-chors.

premiere:

19. oktober 2013
20h
künstlerhaus mousonturm

weitere aufführungen:

20. und 21. oktober
ebenfalls mousonturm

ausstellungseröffnung 29. november// 19h// jüdisches museum frankfurt am main

Montag, den 12. November 2012

einladungskarte_briefzeugenschaft Kopie

u.a. mit einem hörspiel: weibliche stimmen von karolina seibold und julia mantel.

Werbung für “Geld ist ein Arschloch”

Dienstag, den 18. September 2012

18. Oktober 2012 – OFFENBACH/Main

19.30 Uhr: Lesung GELD IST EIN ARSCHLOCH. 100 Jahre Existenzangst - eine literarische Prekaritäts-Revue mit Texten von 1920 bis heute, gelesen von Katja Kullmann
>>> AKADEMIE FÜR INTERDISZIPLINÄRE PROZESSE im Rahmen des >>> SCHRANKSTIPENDIUMS des >>> Kunstraum Mato

➜ Die Autorin Katja Kullmann liest Texte, in denen es ums Geld geht – ums Shoppen und ums Hungern – ums Verprassen und ums Nichthaben. Vom Roman bis zum Zeitungsbericht – von den 20er Jahren bis heute – von der alten Bohème-Heldin bis zur modernen Sex’n‘-Trash-Künstlerin – von der Hartz- bis zur Macchiato-Mutter – von der Managerin bis zur Sex-Arbeiterin: Geld schmeckt immer seltsam.

➜ Im Anschluss: Gespräch mit Gästen und Publikum
Shades of Grey: Wie viele Farbtöne hat die Armut? | Tut Armut weniger weh, wenn man gebildet ist? | Gibt es spezifisch „weibliche“ oder „männliche“ Formen von Prekarität? | Macht ein prekäres Leben einem zu einem besseren Menschen? | Hat die/der Prekäre immer Recht? | Brauchen wir Lehrstühle für Überlebenskunst? | Kann man einen Menschen lieben, der reich ist? | Will irgendjemand wirklich einen Audi A3 haben?

So wie es aussieht, werde ich wohl mit auf dem Podium sitzen.

Veranstaltungsort:
afip – akademie für interdisziplinäre prozesse
ludwigstraße 112 (Goetheplatz)
offenbach am main