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deutschlandfunk:”im fahrstuhl nach unten”

Samstag, den 16. August 2014

Meine Kinder sollen es einmal besser haben, dieser Wunsch ging vor allem im Nachkriegsdeutschland häufig in Erfüllung. Doch die Zeiten des sozialen Aufstiegs sind längst vorbei. Die deutsche Gesellschaft wird zu einer Abstiegsgesellschaft - und nicht einmal Bildung schützt davor.

Es war der 31. Dezember 1996, als Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Neujahrsansprache das deutsche Volk auf das kommende Jahr einstimmte:

“Der Sozialstaat muss umgebaut werden, damit er auf Dauer finanzierbar und erhalten bleibt. Seine Leistungen müssen den wirklich Bedürftigen zugutekommen.”

Was Kohl da aufgrund wirtschaftlicher Probleme ankündigte, bedeutete eine tiefgreifende Wende in der bundesdeutschen Sozialpolitik. Umbau des Sozialstaates, das hieß Kürzungen staatlicher Leistungen, neue Maßstäbe für zumutbare Arbeit, Eigenverantwortung für die Altersversorgung. Nichts war mehr so, wie die Deutschen es in den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik gewohnt waren, sagt der Ökonom und Soziologe Dr. Oliver Nachtwey von der Universität Trier:

“Das waren Jahrzehnte von einem exorbitanten Wirtschaftswachstum. Ein Wirtschaftswachstum, was es danach nie wieder gab. Und in dieser Zeit gab es nicht nur immense Reallohnzuwächse. Zwischen 1959 und 1989 haben sich die Reallöhne aller Arbeitnehmer etwa verdreifacht.”

Zudem, so Oliver Nachtwey, hatten in der frühen Bundesrepublik auch Menschen, die aus Arbeiterfamilien oder kleinen Angestelltenmilieus stamm-ten, Aufstiegschacen. Sie konnten sich weiterbilden und in der Gesellschaft Karriere machen.

“Meine eigene Familie ist ein Beispiel dafür. Mein Großvater war noch Fabrikarbeiter in einer Lampenfabrik im Ruhrgebiet. Mein Vater ist Ingenieur auf dem zweiten Bildungsweg geworden. Ich als drittes Kind in dieser Reihe hab dann schon einen normalen Universitätsabschluss gemacht und habe später promoviert.”

Gleichzeitig ist der 1975 geborene Soziologe aber auch schon ein Kind der Abstiegsgesellschaft, wie er sagt:

“Mein Vater hat noch ein unbefristetes gutes Arbeitsverhältnis. Ich bin ein moderner Akademiker, der sich von Kettenvertrag zu Kettenvertrag hangelt.”

Bildung, so Oliver Nachtwey, sei heutzutage kein Garant mehr für sozialen Aufstieg, ja nicht einmal dafür, dauerhaft zur Mittelschicht zu gehören.

“Man hat verschiedene Flaschenhälse eingezogen, zum Beispiel hat sich die Anzahl der Doktoranden, wenn man das Beispiel der Universitäten vorführt, in den letzten Jahren verdoppelt. Aber nicht die Anzahl der festen Mitarbeiterstellen, auf die man dann die Karriere hat aufbauen können. Und Ähnliches gibt es auch in vielen anderen Berufszweigen.”

Weniger Staat, weniger Vorsorge seit den 90ern

Seit den 1990er-Jahren wurde die bundesrepublikanische Gesellschaft kräftig umgebaut. Eine ideologische Wende ging durch die Politik. Man wollte weniger Staat, weniger öffentliche Vorsorge. Das bedeutete Privatisierung vieler Bereiche des öffentlichen Dienstes und Abbau von Sozialleistungen.

“Und ein starker Umbau der Unternehmen, die sich mehr und mehr am ’shareholder value’, das heißt am Aktienkurs orientieren. Und daraus hat sich ein immenser Druck auf das Arbeitsverhältnis entwickelt. Nämlich dass Unternehmen darauf setzen, Beschäftigte kurzfristig einstellen zu können und wieder loszuwerden. Das heißt sie wollen flexiblere Beschäftigung und natürlich auch weniger für diese Beschäftigung zahlen.”

Ab 1993 begannen die Reallöhne zu sinken, konstatiert der Wirtschaftssoziologe Oliver Nachtwey. Und bereits seit Anfang der 80er-Jahre sank die Lohnquote. Also der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen, am gesamten Reichtum eines Landes.

“Und diese Lohnquote ist bis 1982 im Durchschnitt gestiegen. Seit 1982, als Helmut Kohl an die Regierung kam, seitdem sinkt auch die Lohnquote. Das heißt dieser Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen. Und deshalb kann man am Reichtumsanteil schon seit 1982 sagen, sind wir in einer Gesellschaft, wo die Arbeitnehmer zurückbleiben. Und seit den 90er-Jahren steigt auch die Armut wieder und gibt es einen Druck nach unten.”

Aber Widerstand von unten gab und gibt es kaum, sagt Dr, Philipp Staab vom Hamburger Institut für Sozialforschung:

“Das liegt unter anderem auch daran, dass die Leute natürlich an der kurzen Leine gehalten werden über zum Beispiel betriebliche Herrschaft. Also nicht nur befristete Verträge. Sie arbeiten in einem Unternehmen, das nicht freundlich gegenüber Betriebsräten eingestellt ist. All das führt nicht unbedingt dazu, Engagement zur Verbesserung der eigenen Lage zu fördern.”

Dienstleistungsproletariat ohne Berufsstolz

Der Soziologe hat sich mit Macht und Herrschaft in der Servicewelt beschäftigt. Mit dem sogenannten Dienstleistungsproletariat: Menschen, die für Reinigen, Pflegen, Sicherheit zuständig sind. Und die keine Lobby haben.

“Um uns rum wird zwar ständig geputzt, aufgeräumt, uns werden ständig Waren arrangiert, wenn wir in irgendwelche Supermärkte gehen. Aber nehmen wir diese Leute wirklich wahr? Ich glaube nicht. Weil die Leute hauptsächlich damit beschäftigt sind das, was wir gewohnt sind vorzufinden - Sauberkeit, Ordnung - zu reproduzieren.”

Genau dieses simple Wiederherstellen von Normalität erschwert es diesen Menschen, Berufsstolz und so etwas wie ein Klassenbewusstsein aufzubauen, sagt die Soziologin Friederike Bahl. Die Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung hat Lebensmodelle und Bewusstsein dieser Beschäftigten untersucht.

“Während wir in der einfachen Industriearbeit immer noch, trotz viel diskutiertem Mitgliederschwund, 39 Prozent der Beschäftigten haben, die gewerkschaftlich organisiert sind, ist der selbe Anteil im Bereich einfacher Dienstleistungsarbeit 18 Prozent.”

Dabei wäre gemeinsames Kämpfen bitter nötig, so Friederike Bahl. Denn trotz harter Arbeit, oft bis zu 50 Stunden in der Woche, stehen diese Leute am unteren Ende der Einkommensleiter.

“Das heißt mit monatlich rund tausend Euro netto nach Hause zu gehen.”

Leiharbeiter als Mitarbeiter zweiter Klasse

Aber nicht nur die einfachen Dienstleister werden in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. In großen Firmen ist es längst gang und gäbe, dass Kurzzeitbeschäftigte neben der Stammbelegschaft schuften, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey. In einem großen deutschen Automobilwerk erlebte er die vorbildlichen Arbeitsbedingungen für festangestellte Mitarbeiter.

“200 Meter weiter, auf dem gleichen Werksgelände, aber von einem Werksvertrags-zulieferer ausgeführt, der darüber hinaus das selbst nicht ausgeführt hat sondern Leiharbeiter eingestellt hat, arbeiteten Leiharbeiter, die nur zwei Drittel des Gehalts bekommen hatten, keine Klimaanlage hatten, ergonomisch nicht die gleichen Ausrüstungen hatten wie die anderen Arbeitnehmer. Das hat auf dem gleichen Werksgelände stattgefunden.”

Ähnliches, so Oliver Nachtwey, findet man inzwischen auch an öffentlichen Schulen. Zum Beispiel an Gymnasien in Baden-Württemberg.

“Da werden sie den alten Studienrat antreffen, der beamtet ist und mit 56 in den Vorruhestand gehen kann, hervorragend verdient und gute soziale Sicherungsleistungen hat. Und sie werden dort einen jungen angestellten Lehrerin oder Lehrer sehen, die jeweils in den Sommerferien wieder entlassen wird und überhaupt gar keine Perspektive auf Verbeamtung hat und dergleichen sozialer Sicherungsleistungen. Das ist, was wir derzeit mit dem Abbau der sozialen Bürgerschaft sehen.”

Soziale Staatsbürgerschaft. Ein Konzept, das auf den Soziologen Thomas Marshal zurückgeht und in der Bundesrepublik bis in die 70er-Jahre umgesetzt wurde. Es besagt, dass alle Bürger, egal welcher Klasse sie angehören, die gleichen zivilen, politischen und sozialen Rechte haben.

“Und was ich sehe, ist, dass diese soziale Bürgerschaft, die Integration ermöglicht, sukzessive seit den 90er-Jahren erodiert. Wichtige Elemente dieser Bürgerschaft wurden abgebaut, reduziert, umgeformt.”

Nicht einmal Bildung schützt vor Abstieg

So geht nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, sondern auch die zwischen den Festangestellten eines Unternehmens - die betriebliche Mitbestimmung praktizieren, Kündigungsschutz genießen und Karriere machen können - und denen, die ausgeliehen sind und befristet arbeiten und die diese Rechte nicht haben. Und, so Dr. Nicole Mayer-Ahuja, Soziologieprofessorin an der Universität Hamburg, es ist heutzutage nicht mehr nur eine Frage von Bildung, auf welcher Seite man sich befindet. Und zu welcher Schicht man gehört:

“Man erwirbt immer höhere Bildung. Aber was an Beschäftigungssicherheit, an Einkommensniveau und so weiter dabei herauskommt am Ende, ist nicht unbedingt vergleichbar mit dem, was die vorige Generation auf einer geringeren Grundlage von Bildung zum Beispiel erworben hat. Und ich glaube, dass das tatsächlich eine große Veränderung ist, wo Aufstiegshoffnungen auch enttäuscht worden sind und viel Verunsicherung sich auch breit gemacht hat.”

Statistisch gesehen seien seit den 80er-Jahren nicht nur die Normalarbeitsverhältnisse zurückgegangen. Auch die Normen, was normale Arbeit eigentlich sei, hätten sich relativiert, sagt die Sozialökonomin.

“Viele jüngere Leute erwarten nicht mehr unbedingt, dass sie in die Situation kommen könnten, ihr Erwerbsleben in einem Betrieb zu verbringen. Wir haben die Situation, dass gerade in der jüngeren Generation viele Beschäftigte auch sagen, ich will das eigentlich auch gar nicht mehr. Meines Erachtens sitzt man damit ein bisschen den Flexibilisierungsutopien auf, die in den 80er-Jahren vertreten worden sind, wo man sagte, Flexibilität ist doch für alle gut.”

So hat sich die Wirtschaft ihre Klientel des Arbeitnehmers herangezogen; Menschen, auf die man flexibel zugreifen kann. Und sie zusätzlich mit dem Adjektiv kreativ versehen. Flexibel und Kreativ. Gewissermaßen ein Label für moderne Arbeit, das für viele junge Leute attraktiv zu sein scheint. Dazu kommt eine mehr und mehr individualisierte Gesellschaft, in der Menschen Arbeitslosigkeit und unsichere Jobs nicht dem System anlaste,n sondern ihrem persönlichen Versagen. Das erschwert Solidarität. In allen westeuropäischen Gesellschaften. Die Sozioökonomin Nicole Mayer-Ahuja:

“Was zu hoffen wäre, wäre tatsächlich, dass wir in eine Situation kommen, wo diejenigen, die eben bei diesen jüngsten ökonomischen Entwicklungen auf der Strecke bleiben und die gibt’s auch in Deutschland, nicht nur in Südeuropa, dass diejenigen auch ein gemeinsames Bewusstsein von ihrer Situation bekommen und tatsächlich Widerstandpotenziale entwickeln und dann auch umsetzen.”

www.deutschlandfunk.de/sozialer-abstieg-im-fahrstuhl-nach-unten.1148.de.html?dram:article_id=294585

STADT DER TAUSEND FEUER von augst/ birke

Samstag, den 21. September 2013

„Das Laufband läuft, das Laufband läuft!“ – Die deutsche Arbeiterbewegung als Diskursmaschine, zwischen ihren Rädern das Individuum. Mit einem Großaufgebot an Frankfurter Sprechchoristen und vier Solo-Performern, Françoise Cactus, der Sängerin von Stereo Total, Hamburger-Schule-Performerin Bernadette La Hengst, dem Genialen Dilettanten Frieder Butzmann und Free-Jazz-Pionier Sven-Åke Johansson, nehmen Oliver Augst und John Birke den Begriff der Arbeit auseinander. Von Schweiß und glühendem Eisen in der „Stadt der tausend Feuer“ hin zu Softskills und 3D-Druckern in der postindustriellen Informationsgesellschaft. Heute ist das Arbeitsethos als Leitkultur noch übrig, ansonsten aber nötigt der Mangel an Arbeit zu neuen Konzepten: „Wir brauchen keine Arbeit, wir haben immer was zu tun“, singt Bernadette La Hengst.

Mit Frieder Butzmann, Françoise Cactus, Bernadette La Hengst, Sven-Åke Johansson und großem Sprech-Chor * Text: John Birke * Komposition, Bühne: Oliver Augst * Regie: Augst/Birke * Live Mix: Marcel Daemgen * Produktionsleitung: Jenny Flügge * Chorleitung: Marcus Rüdel * Mit Sprechchortexten aus „Der gespaltene Mensch“ von Bruno Schönlank, 1927 * Eine Koproduktion von textXTND, dem Künstlerhaus Mousonturm und dem Musiktheater im Revier (MIR) Gelsenkirchen * Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Aventis Foundation, Innovationsfonds Baden-Württemberg * In Zusammenarbeit mit dem hr/SWR und der Alten Feuerwache Mannheim.

ich bin teil des sprech-chors.

premiere:

19. oktober 2013
20h
künstlerhaus mousonturm

weitere aufführungen:

20. und 21. oktober
ebenfalls mousonturm

ausstellungseröffnung 29. november// 19h// jüdisches museum frankfurt am main

Montag, den 12. November 2012

einladungskarte_briefzeugenschaft Kopie

u.a. mit einem hörspiel: weibliche stimmen von karolina seibold und julia mantel.

Werbung für “Geld ist ein Arschloch”

Dienstag, den 18. September 2012

18. Oktober 2012 – OFFENBACH/Main

19.30 Uhr: Lesung GELD IST EIN ARSCHLOCH. 100 Jahre Existenzangst - eine literarische Prekaritäts-Revue mit Texten von 1920 bis heute, gelesen von Katja Kullmann
>>> AKADEMIE FÜR INTERDISZIPLINÄRE PROZESSE im Rahmen des >>> SCHRANKSTIPENDIUMS des >>> Kunstraum Mato

➜ Die Autorin Katja Kullmann liest Texte, in denen es ums Geld geht – ums Shoppen und ums Hungern – ums Verprassen und ums Nichthaben. Vom Roman bis zum Zeitungsbericht – von den 20er Jahren bis heute – von der alten Bohème-Heldin bis zur modernen Sex’n‘-Trash-Künstlerin – von der Hartz- bis zur Macchiato-Mutter – von der Managerin bis zur Sex-Arbeiterin: Geld schmeckt immer seltsam.

➜ Im Anschluss: Gespräch mit Gästen und Publikum
Shades of Grey: Wie viele Farbtöne hat die Armut? | Tut Armut weniger weh, wenn man gebildet ist? | Gibt es spezifisch „weibliche“ oder „männliche“ Formen von Prekarität? | Macht ein prekäres Leben einem zu einem besseren Menschen? | Hat die/der Prekäre immer Recht? | Brauchen wir Lehrstühle für Überlebenskunst? | Kann man einen Menschen lieben, der reich ist? | Will irgendjemand wirklich einen Audi A3 haben?

So wie es aussieht, werde ich wohl mit auf dem Podium sitzen.

Veranstaltungsort:
afip – akademie für interdisziplinäre prozesse
ludwigstraße 112 (Goetheplatz)
offenbach am main

Duett im Bett Vol. 6

Sonntag, den 5. Februar 2012

Freitag, 24. Februar 2012/ Einlass 20:30h/ Abendkasse: 5 Euro

Es treten 6 Duos hintereinander auf. Jedes Duo hat 30 Minuten Zeit sich dem Publikum zu präsentieren.

u. a. Spin of Two/ Maneoli/ Ruth & RAE/ Hans Georg Schwab & Rebecca Berg/ Herr Ebu feat. Julia Mantel

Schmidtstraße 12/ 60326 Frankfurt

ENDLICH FRÜHLING MIT OSTERSCHAFEN!

Montag, den 21. März 2011

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frühlingsschafe 12-15 euro, alles unikate

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Mittwoch, den 2. Februar 2011



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photos: daniel hartlaub

presse zur land-in-sicht-lesung

Samstag, den 23. Januar 2010

Einen Überblick über ihr Schaffen gab Julia Mantel am 6. Dezember in der Buchhandlung Land in Sicht im Frankfurter Nordend. Die Veranstaltung begann zwar mit einiger Verspätung, doch das erlaubte etwas Zeit, das Umfeld etwas zu studieren.
An der Stirnwand des Raums hingen große quadratische Mosaike aus Photographien. Scheinbar nichts besonderes: Türen, Leute vor Türen, oft kommt sogar der gleiche Eingang mehrfach vor. Nicht unbedingt Leute, die man kennt. Das Rätsel löst sich aber rasch: Es handelt sich um Frankfurter Musiker vor ihrem Übungsraum. Nutzen sie das gleiche Lokal, dann stehen sie auch vor der gleichen Tür Porträt. Es handelt sich übrigens bereits um die vierte Bildserie, die unter diesem Gesichtspunkt gestaltet ist. Es begann mit Schriftstellern. Auch in jeder anderen Hinsicht zeigt das Land in Sicht seinen Bezug zum Stadtteil. An diesem unfreundlichen Dezemberabend ist wirklich Land in Sicht, wenn die beleuchteten Scheiben sich gegen die düstere Halbwirtlichkeit der Nebenstraße durchsetzt. Ein paar der Verkaufsregale sind zur Seite geschoben, in die freiwerdenden Fläche hat man ein paar Plastikstühle gestellt. Man kennt sich untereinander, der Dreadlockträger muß irgendetwas mit dem Laden zu tun haben, spricht aber nicht mit jedem. Auf einem kleinen Tischchen stehen ein paar Flaschen Wein, nichts besonderes, aber auch nicht der ganz Schlimme von der Tankstelle. Man gibt sich Mühe.
Julia Mantel raucht rote Gauloise. Eine Buchhandlung scheint also Privatgelände zu sein – anscheinend reicht die Macht der Gesundheitsbevormunder noch nicht so weit, auch hier die Lust am glimmenden Stengel zu verbieten. Der Gast beginnt, sich wohlzufühlen.
Doch Julia Mantel raucht nicht nur, sie liest auch gut, trotz Erkältung. Eine klare, ruhige Stimme trägt den Hörer von Gedicht zu Gedicht. Sie verzichtet auf Ausdruckskunststückchen, und sie hat sie auch nicht nötig. Die Texte sind selbst ausdruckvoll, um so stärker, je kürzer sie sind. Mantels Lyrik verdichtet, ohne sich in die Überformalisierung der Moderne zu zwingen. Immer bleibt sie fühlbar, immer gelingt es ihr, mit wenigen Worten ein Bild zum Leben zu erwecken, und manchmal auch, die Empfindung körperlich zu machen.
Am treffendsten gelingt ihr das in einem Vierwortegedicht aus ihrer Sammlung New Poems:

doppelbelastung einer illegalen putzfrau

ständig
boden

ständig
hoden

Leider ist die Lesung schon nach einer guten halben Stunde am Ende. Ihr Vorrat ist leer - es gibt scheints einfach nichts mehr zum Zugeben.
Man kann ihr nur wünschen, daß sie weiterschreibt, und daß wir vielleicht ein mal eine dickere Sammlung von ihr in die Hände bekommen.
Nach der Lesung gibt es noch eine kurzen musikalischen Ausklang. Begleitet von Carsten Olbrich, der in seiner eigenen Karriere als Mister Ebu firmiert, trägt Mantel noch drei Lieder vor. Leider nicht der stärkste Teil des Abends – noch ein paar Texte wären eher etwas für mein Ohr gewesen.
Am Ende hat jeder noch die Chance, sich ein paar Eindrücke von Julia Mantels Designerstücken zu machen, die sie unter dem Label Unvermittelbar vertreibt. Als ich meine Tasche packe und mich verabschiede, muß sie mich zurückrufen, um mich daran zu erinnern, daß ich das mitgenommene Buch noch nicht bezahlt habe. Es ist mir sehr peinlich. Aber wenigstens beim Wein habe ich selbst daran gedacht.

Toni Reitz

aus: eXperimenta 01/2010

auch wenn der winter schön ist- der sommer wird kommen- nicht zuviel verraten!

Samstag, den 16. Januar 2010

tonnenweise kaufe ich gerade wolle ein, damit auch im sommer niemand frieren muss.
gehe im sommer mit einer limitierten “unvermittelbar”-auflage an den start.
die farben sind so schön, schön! und die strickerinnen im rhein-main-gebiet sehr fleissig.
freuen wir uns des lebens!!

frohe weihnachten und guten rutsch

Mittwoch, den 23. Dezember 2009

für wen´s interessiert:

www.myspace.com/mrebu