Faust-Gespräch mit Bernd Leukert

Mit Julia Mantel sprach Bernd Leukert.

B.L.: Wer Gedichte schreibt, will etwas anderes, als mit Prosa zu erreichen ist. Gedichte bieten Möglichkeiten, die die anderen Entäußerungen nicht bieten.

J.M.: Ich glaube, Dichtkunst ist Konzentration auf das Wesentliche. Prosa arbeitet mit Personen, entwickelt einen Handlungsstrang. Lyrik ist für mich eher wie eine Form eingefrorener Momente, man nimmt die Realität und skizziert sie.

B.L.: Ja, den Eindruck machen Ihre Gedichte auch: Schnappschüsse der Realität bzw. ein bisschen mehr natürlich. Denn wenn es nur die Realität wär’, dann wäre es ein bisschen wenig. Dahin wollte ich auch mit meiner Frage: Es muss mehr sein. Aber was ist das Mehr?

J.M.: Ich glaube, das Mehr ist, dass man die Realität eben nicht eins zu eins abbildet, sondern dass man neue Sichtweisen miteinander kombiniert, Worte neu zusammensetzt und arrangiert – so entsteht ein Gedicht, das mit dem Leser kommunizieren kann.

B.L.: Sie wählen das Neue aber. Das heißt, es muss …

J.M.: Das ist ja der subjektive Blick des Dichters. Das Gedicht kommt zu einem in irgendeiner Weise, man reagiert vielleicht auf ein Wort oder einen Satz, möchte eine Begegnung, einen Moment, einen Gedanken festhalten. Man feilt eine Weile daran herum, und wenn man dann das Gefühl hat, mit dem Bild fertig zu sein, lässt man es stehen.

B.L.: Also es gibt Kriterien für das, was einen „anspringt“. Aber das kann man nicht unbedingt verbalisieren. Vielleicht kann man stattdessen sogar mehr verbalisieren – ich spreche nur von ‚mehr’; ich glaube nicht, dass man es wirklich erklären kann, aber man kann sich vortasten – was das ist, wo man hin will, als eine Ebene, eine Möglichkeit, die nicht alltäglich ist. Lässt sich das beschreiben?

J.M.: Ja. Ich glaube, man muss, um sich zu verbessern, am Wort arbeiten. Die eigene Sprache ändert sich am besten und ist am inspiriertesten, indem man selber viel liest. Ich bin zum Beispiel ein großer Thomas-Brasch-Fan. Den lese ich immer wieder gern und bin aufs neue überrascht bzw. berührt. Und irgendwie hat man mit der Zeit schon, denke ich, einen eigenen Ton gefunden. Es gibt ja Leute, die schreiben nur lustig oder nur ernst oder nur abstrakt oder, wie Oskar Pastior, ganz …

B.L.: Das ist eine rumänische Groteske

J.M.: … oder nur grotesk eben. Und ich glaube, dass mich so etwas wie eine gewisse Form von Lakonie schon sehr interessiert.

B.L.: Das ist der Tonfall. Der Tonfall kann in seiner Tendenz nach unten weisen. Es gibt eine Reihe von Dichtern, die Elemente der Wirklichkeit greifen, die womöglich etwas Metaphysisches haben. Dann entzaubern sie das Metaphysische und landen sozusagen auf dem Boden. Und zwar permanent. Und es gibt die umgekehrte Bewegung, in der man den Sachverhalt aufnimmt – vielleicht auch anhand von Fundstücken, Wortspielen, was wie auch immer im Kopf sich auf eine ungewöhnliche Weise verlinkt: Die Tendenz ist aber, nach den Wolken zu greifen oder nach dem Himmel, nach den Sternen.

J.M.: Also eher so eine verträumte Herangehensweise …

B.L.: Nein, das meine ich nicht. Das wäre ja verklärend, verträumt, – Träume werden ja oft benutzt, weil sie sehr fruchtbar sind für das, was ich meine. Es ist ein Greifen nach den Zwischenbereichen. Die Zwischenbereiche können auch im Alltag sein, weil wir mehr fühlen und erspüren, als wir in unserer Umgangssprache, die ja regulierend ist, überhaupt ausdrücken können. Ich denke, eine der Aufgaben des Dichters ist es, genau diese Zwischenräume zu finden und zu evozieren.

J.M.: Ein gutes, vielleicht auch zeitloses Gedicht kann immer wieder gelesen werden und gibt dem Leser immer wieder Rätsel auf. Das finde ich an einem Gedicht sehr interessant, wenn es auf unterschiedliche Weise interpretierbar ist. Und gerade durch bestimmte Zeilenumbrüche entsteht ja so etwas immer wieder.

B.L.: Das nehme ich als Stichwort. Manchmal gibt es Umdeutungen durch den Zeilenbruch. Aber bei einigen Ihrer Gedichte merke ich, dass das keine Umdeutung zur Folge hat, sondern dass der Zeilenbruch nach dem ‚und’ kommt. Da ist ein Schnitt, der durch den formalen Zeilenbruch willkürlich gesetzt ist. Und er hat keine Folgen.

J.M.: Manchmal passt es dann einfach in die Strophe. Hier zum Beispiel, bei „Frankfurt am Main“, sind die Zeilenbrüche so gesetzt: dieselben/ straßen dieselben gesichter/ haben falten bekommen wen/ kennt man schon richtig im/ vorübergehn oder: im vorübergehn sesshaft/ geworden.

B.L.: Ja. Das ist klar. Es gibt Zeilen, wo mit den Schrägstrichen zusätzliche Brüche eingefügt sind. Warum der doppelte Zeilenbruch?

J.M.: Mit den doppelten Zeilenumbrüchen möchte ich etwas Hartes, etwas Abgehacktes visualisieren bzw. verständlich machen. „Tau” zum Beispiel ist gar kein weiches Gedicht, das ist schon fast Stakkato.

B.L.: Mir ist aufgefallen, dass Sie sehr oft ein Gedicht mit der Geste des Deckelzumachens abschließen. Da kommt noch etwas hinterher, ist mein Eindruck. Da wird etwas beschrieben, aber es wird nicht offen gelassen, sondern zugemacht.

J.M.: Aber das ist doch eigentlich gut!

B.L.: Ich kritisiere das nicht. Ich stelle fest: Das ist offensichtlich ein Bedürfnis und keine Konvention, so wie beim Sonett die Summa der letzten Strophe konventionell ist. Bei Ihnen schließt das Finale nicht unbedingt das Thema ab, sondern öffnet noch einen Nebenausgang …

J.M.: Zum Beispiel heißt es in „Munich voreilig“: wenn es weiter nichts ist/ das uns fehlt. Das ist ein offenes geschlossenes Ende.

B.L.: Wir haben schon gesprochen über den Aspekt des Kurzen, des Augenblicks, der da festgehalten wird. Manchmal ist es auch wie in „zwischenbilanz, authentisch” eine etwas bittere Zwischenbilanz.

J.M.: Da muss ich Ihnen absolut widersprechen. Für mich ist das ein sehr, sehr positives Gedicht und weit von jeglicher Bitterkeit entfernt.

B.L.: Und doch bilanziert es: Jetzt hat alles seine Ordnung, und alles ist geschlossen.

J.M.: Ja, aber am gemeinsamen tisch/ wird immer gut gegessen/ aus jeder verlegenheit/ irgendwie gelernt. Das mutet doch eher heimelig an, als wäre man irgendwie angekommen.

B.L.: Und doch, wenn ich das mal polemisch sagen darf: Es hat was von betreutem Wohnen. Die Szene beschreibt den Endpunkt einer Entwicklung. Wo vieles vorher offen war, der Ausbruch möglich und der Ausbruch möglich war, also das wilde Leben möglich war, da ist man jetzt plötzlich familiär eingeschlossen. Alles ist gesichert, alles hat seinen Platz, und alles ist gut. Punkt. – Also, es ist ein bisschen auf der Kippe. So habe ich es empfunden.

J.M.: Nein, absolut: nein. Zum Glück gehört auch das „sich-einrichten“; zu gucken, was man hat, dankbar dafür zu sein und einfach das beste daraus zu machen. Man liebt und vertraut den Menschen, die man für integer hält und an die man glaubt. 5-7 Freunde zu haben, das empfinde ich tatsächlich als Luxus, ein Dach über dem Kopf, ein gutes Gespräch bei einem Glas Wein, wundervolle Geschwister usw.! Wenn das Glück dann für ein paar Jahre anhält, dann kann man doch eigentlich davon ausgehen, dass man irgendetwas im Leben richtig gemacht hat.

B.L.: Mit den anderen Gedichten ist mehr der Augenblick erfasst wie ein Schnappschuss, mitten in der Bewegung. Da ist kein Bedürfnis nach „Werk“ zu spüren. Der Werkcharakter ist nicht ausgeprägt. Ist das richtig?

J.M.: Ich habe ja teilweise, wie „im auto vor dem haus“, längere Gedichte geschrieben. Aber ich glaube, für mich ist momentan noch die Verknappung besser. Für mich ist das einfach die richtige Form.

B.L.: Gibt es eine Tradition, in der Sie sich sehen?

J.M.: Ich glaube, dass mich Kurt Drawert sehr geprägt hat. Ich bin ja seit vielen Jahren in seiner Literaturwerkstatt. Das ist übrigens ein Mann mit einem brillanten Zeilenumbruch. Aber ich bin mehr auf dem Weg, meine eigene Sprache zu finden. Ich weiß nicht, wo ich in fünf bis zehn Jahren sein werde, ob ich dann immer noch Gedichte schreibe oder vielleicht Kurzprosa. Ich weiß nur, – Fixpoetry hat mich zweimal publiziert, ohne mich zu kennen; die sind ja in Hamburg, haben mich nie gesprochen, nie gesehen, gar nichts. Sie haben mich gefragt. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass meine Gedichte die Leute berühren oder zumindest stutzig machen. Faust-Kultur kannte mich auch kaum und publiziert meine Lyrik kontinuierlich. Das zeigt mir einfach, dass ich auf einem guten Weg bin.

B.L.: Nun will ich die Anfangsfrage noch einmal anders stellen. Als Sie anfingen, Gedichte zu schreiben, was war der Impuls dafür?

J.M.: Der Impuls kam – das ist jetzt sehr privat – aus einer Trennung heraus. Damals gab es noch kein Internet. Mein damaliger Freund lebte in New York, wir haben uns extrem viel gefaxt. Plötzlich waren da trotzdem noch so viele Worte übrig. In diesem Moment habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben und das Bedürfnis entwickelt, mich mit anderen Menschen zu vernetzen, die auch Lyrik schreiben. Meine erste Station war dann das Hessische Literaturforum im Mousonturm. Schließlich hatte ich meine ersten Lesungen. Immer mehr Menschen waren interessiert, und so bin ich dabei geblieben. Noch habe ich mich nicht großartig für Preise oder Stipendien beworben, einfach weil ich gar nicht so karrieristisch denke, aber immerhin ist über mich schon in der Nähe von Bielefeld eine Staatsexamensarbeit geschrieben worden. Mich befriedigt die Auseinandersetzung mit Lyrik sehr. Ich finde es interessant, dass Menschen versuchen, sich auf eine relativ intime Weise auszudrücken. Kaum ein Lyriker kann in Deutschland von seinen Gedichten leben, und trotzdem ist vielen die Arbeit am Gedicht so wichtig.

B.L.: Aus all dem, was Sie gerade gesagt haben, entnehme ich, dass Sie eigentlich sehr identisch sind mit dem, was Sie schreiben. Die Frage ist, wie die Distanz aussieht zu dem Kunstobjekt, das das Gedicht auch ist. Wie viel also nimmt man von sich, und wie viel gibt man den ästhetischen Erfordernissen des Gedichts?

J.M.: Ich kann mir schon vorstellen, dass, je länger man schreibt und je älter man wird, das immer entpersönlichter wird. Ich glaube, in dem Moment, in dem man sich nicht mehr so wichtig nimmt, können die Dinge abstrakter und vielleicht auch konsequenter werden oder auch allgemeingültiger. Ich schreibe eigentlich immer in Sekundenschnelle, und feile dann noch ein bisschen daran herum. Aber ich weiß eigentlich immer sofort, ob es gut ist oder nicht. Ich finde Lyrik so eine tolle Form, weil sie Leben in wenig Platz und Raum konzentriert. Ein anderer Aspekt ist, sie kostet nichts, wenn man sie schreibt. Das kann man überall machen. Wenn man etwas hat, das einen wirklich leidenschaftlich erfüllt – und das ist bei mir mit der Lyrik schon so – dann kann einen das durch das ganze Leben tragen. Dichten hat nichts mit Eitelkeit zu tun, Schreiben wirft einen vielmehr auf sich selbst zurück, man kann es nur alleine machen, in einer tendenziell einsamen Situation.

One Response to “Faust-Gespräch mit Bernd Leukert”

  1. Fritz E.A. Isenmann Says:

    Hallo Julia,
    dein Interview spiegelt sich in Teilen auch in meinen lyrischen Ansätzen wider. Meine Gedichte sollen das sublimierte Surrogat meines physischen und psychischen Er-Lebens sein. Dabei sehe ich in der Liebe das absolute Wiedererleben des eigenen und des anderen Menschseins im ewigen Reigen - gleichsam die sich wiederholende Reinkarnation des Seins, das Ein- und Ausatmen des Universums. Vgl. zeitgefluester.com. - Ein wirklich sehr ansprechendes Interview. Schön. Danke.

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