Wenn ein Paar sein Glück bei Verbrechern findet

29. Januar 2016

Monika und Henry Toedt waren wohlhabende Leute in Hamburg. Dann brach alles zusammen. Nun leben sie von Hartz IV und schreiben Briefe an Verbrecher in aller Welt. Und sind glücklicher als je zuvor.

Von Eva Sudholt

Das Ehepaar Monika und Henry Toedt pflegt weltweit Brieffreundschaften mit Gefangenen

Sebastian hat in der Silvesternacht seine Frau umgebracht. Er hatte zu viel getrunken. Er hatte Streit gesucht und gefunden. Dann hatte er sich das Küchenmesser gegriffen, das auf der Anrichte lag, und zugestochen, bis sie zu Boden ging. Sebastian wurde wegen Totschlags verurteilt, er sitzt seit fünf Jahren in der JVA Bamberg. Zurück blieben vier kleine Kinder.

Jennifer sitzt wegen Drogen in Texas. Sie spart für einen Trip nach Europa. Sie will die Heimat ihrer Freunde sehen, wenn sie bald freikommt. Bayern, die Alpen, vielleicht noch etwas Deutsch lernen vorher.

Heinrich lebt in der JVA Straubing. Er war Lehrer für Deutsch und Latein. Er vertont moderne Gedichte und hört Bayern 4 Klassik. Heinrich hat gerade seinen Röhrenfernseher gegen einen Flatscreen eingetauscht, man kann sich nicht ewig verschließen, wenn alles digital wird da draußen. Vor seinem Fenster will er im Frühjahr Krokusse pflanzen.

Eine grausame Tat

Seine Briefe schreibt er auf einer alten Reiseschreibmaschine. Liebe Moni, lieber Henry, blüht es bei Euch auch auf dem Balkon? Er wünscht noch einen weiterhin recht milden Winter, einen gemütlich-schmackhaften Abend und verbleibt mit ganz lieben Grüßen, Euer Heinrich.

Heinrich schreibt vom neuen DVD-Spieler, den er sich bei “Saturn” bestellt hat. Und vom Sonnenlicht, das so mild in sein Zimmer fällt. Nur was ihn hierhergebracht hat, darüber kein Wort. Moni und Henry fragen nicht nach. Man ist ja nicht auf der Welt, um über andere Menschen zu richten. Sie wissen, seine Taten müssen grausam gewesen sein. Heinrich hat lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung. Wahrscheinlich ein Sexualverbrechen, wahrscheinlich nicht nur eines.

Manchmal beklagt Heinrich sein Schicksal, Gott habe ihn verlassen, niemand denke an ihn. Seine Frau ist gestorben, man sagt sich, aus Kummer.

Wir sind einfache Leute. Wir haben uns beide, und das ist viel mehr wert als ein Leben in Reichtum

Nur Moni und Henry sind immer noch da. Als sie ihn einmal besuchten, sechs Stunden mit der Bimmelbahn hin, sechs Stunden wieder zurück, für schnelle Züge reicht kein Hartz IV, da war Heinrich geradezu aufgekratzt, geplappert hat er wie ein Wasserfall und dann auch noch Volkslieder geschmettert.

“Herr Heinrich sitzt am Vogelherd …”, hilf mir mal, Moni, wie geht’s noch mal weiter?

“Ganz froh und wohlgemut.”

Wie schafft man es, von solchen Taten abzusehen? Nicht immer den Mörder, das Monster zu sehen? Henry sagt: “Man richtet den Blick auf den Menschen dahinter. Und der steht dort, wo wir selbst plötzlich standen. Am Rande der Gesellschaft.”

Vor ein paar Jahren haben Henry und Monika Toedt, beide 64, fast alles verloren, erst ihr Vermögen, dann alle Freunde. Und schließlich den einzigen Sohn. Nach einem Jahr Gram sagten sie: Entweder war’s das jetzt mit dem Leben oder wir müssen ganz neu anfangen.

Ihr Neuanfang steckt in einem Schulkinder-Ordner, der kaum noch zugeht. Ein Labrador-Baby im Gras vorne drauf, innen drin stecken Briefe von Serientätern. Von Drogenkurieren und Internetbetrügern. Von Kleinkriminellen und Schwerverbrechern. Von Heinrich und Jennifer und von Sebastian. Oder der armen Seele Beg Batiadar, der im “Bangkok Hilton” wohnt. So nennen sie dort den berüchtigten Knast.

Batiadar hat Drogen über Nepal nach Thailand geschmuggelt, um seiner Familie zu helfen. Darauf steht lebenslang schon bei kleinen Mengen, und lebenslang heißt dort hundert Jahre. Begs Handschrift ist ordentlich-mädchenhaft, er beginnt mit den Worten “My beloved Mom and Dad”, auch wenn er Henry und Moni noch niemals gesehen hat. Er trauert zurzeit um ein kleines Kaninchen, das er in seiner Zelle halten durfte. Als er vom Hofgang zurückkam, lag es tot auf der Pritsche.

Die meisten und längsten Briefe sind die von Shawna. Sie wurde in Phoenix, Arizona zum Tode verurteilt. Und brachte neuen Sinn in ihr Leben.

KEIN FERNSEHE, KEIN INTERNET

Dieses Leben findet in zwei kleinen Zimmern statt, im Mietshaus einer früheren Bundeswehrsiedlung. Moni und Henry gehen nur selten nach draußen, die Nachbarn kennen sie kaum, nur den einen von unten, der ein bisschen verrückt ist, so wie Markus, der Junkie, der ihnen seit langer Zeit schreibt. Markus lebt seit 20 Jahren in der forensischen Abteilung, er hat sich das halbe Hirn weggeschnupft und war in verschiedene Dinger verstrickt. Er hätte gerne Frau und Familie, wahrscheinlich wird daraus nie etwas werden.

Toedts haben kein Fernsehen, kein Internet. Nur ein altes Nokia-Handy für die wichtigsten Telefonate. Langeweile? Kennen sie nicht. Es gibt doch genug zu erzählen, auch nach 40 Jahren Ehe. Den Außenputz ihrer Siedlung verschandeln große dunkle Flecken, als seien aus den Fenstern mal Flammen geschlagen. Die Hausverwaltung sagt, die Mieter lüften zu schlecht und zu wenig.

Aber da kennt Henry sich aus, er ist ja vom Fach: Die Fassaden tragen Putz der 50er-Jahre, ein billiges Mörtel-Kunststoffgemisch, in dem sich die ganze Feuchtigkeit staut. Innen machen sich an Decken und Wänden schon Risse bemerkbar. Aber Henry sagt auch: “Wir sind einfache Leute. Wir achten auf so was nicht mehr. Wir haben uns beide, und das ist viel mehr wert als ein Leben in Reichtum.”

Toedts hatten sich mit Anfang 20 kennengelernt. Er war nicht so der Disco-Typ und hatte eine Annonce geschaltet. Erst schrieben sie sich, dann verliebten sie sich, nach einem Jahr haben sie geheiratet. “Und es nicht einmal bereut. Du musst mir jetzt zustimmen, Moni.”

“Das weißt du doch, Henry.”

Toedts hatten zwei Firmen in Hamburg. Sie leben jetzt in Hammelburg in Franken

Moni und Henry kamen gemeinsam zu Wohlstand. Ein Haus im gehobenen Hamburger Umland. In der Stadt verkauften sie teure Immobilien, eine zweite Firma kümmerte sich um Finanzierung, Versicherung, das ganze Drumherum. Freie Wochenenden kannten sie nicht, es gab immer nur Arbeit. Von dem Geld kauften sie Autos. Und eine Wohnung am Meer, die meistens verwaist war. Kauften 4000 Bücher für die Bibliothek, auch wenn zum Lesen nie Zeit war.

Dann auf einmal übernahmen sie sich. Ein Hausbau lief aus dem Ruder. Dazu platzten zwei sichere Geschäfte. Und schon brach alles zusammen. Die Schecks gesperrt, die Wohnungen unter dem Hammer, die Autos wurden kleiner und weniger. Privatinsolvenz. Hartz IV. Die Leute im Dorf stellten das Grüßen ein. Freunde riefen nicht mehr an.

Kurz bevor alles den Bach runterging, bezahlten sie noch für die Hochzeit des Sohnes. Dann mussten sie ihm beichten, das war es nun leider, wir haben nichts mehr. Er hat sich nie mehr gemeldet seitdem. Ein Brief, in dem sie ihn um Entschuldigung bitten, ließ er bis heute unbeantwortet.

Manches haben sie verkauft, um ein paar Schulden zu bezahlen. Vieles haben sie verschenkt, das fühlte sich irgendwie sinnvoller an. Sie trafen Menschen, denen es viel schlechter ging als ihnen. Sie boten ihnen Gespräche an, Lebenshilfe nannten sie es. Die Menschen bezahlten mit Dankbarkeit, mit einem Glas Marmelade, selbst eingekocht, einer gab auch mal 20 Euro. Es war immer genug zu tun.

Von Hamburg nach Franken, der Kirche wegen

Von den 4000 Büchern blieb eine Dürer-Bibel über. Man kann ja mal reinschauen, auch wenn man nicht glaubt. Sie schlugen ohne Hinsehen das Buch der Könige auf. Elias liegt unterm Ginsterstrauch. Er sagt: Oh Herr, ich mag nicht mehr.

Moni dachte, vielleicht kann man ja mal in ein Kloster gehen. Vielleicht findet man da einen Weg. Sie zogen sich für zwei Wochen nach Ettal zurück. Sie beteten mit den Mönchen. Es war eine fremde, tiefe Ruhe in ihnen, die sie so schnell wie möglich wiederhaben wollten.

Sie traten aus der protestantischen Kirche aus. Und in die katholische ein. Doch im evangelischen Norden gab es keine Gemeinde für sie, kein Auto war mehr übrig, um in die nächste zu kommen. Sie mussten, wegen der Stütze, erst noch beim Amt nachfragen. Es sprach nichts dagegen, Toedts durften umziehen. Raus aus der Diaspora ihres neuen Glaubens. Seitdem wohnen sie in Hammelburg, einer kleinen fränkischen Stadt ganz im Norden von Bayern.

Sie sind hier bis heute nicht heimisch geworden. Der Pfarrer ist ihr einziger Freund. Wir tun uns nicht leicht mit fremden Menschen, sagen sie. Neue Freunde zu finden ist schwer, wenn man von den alten enttäuscht worden ist.

Ich liebe das Oktoberfest-Bild! Ihr habt schöne Mädchen in Deutschland. Doch keiner ist so schön wie Ihr

In der ersten Zeit in der Fremde ist Henry Bürgerbus gefahren, alte Menschen von den Dörfern abholen, zum Arzt und zum Einkaufen bringen und später wieder zurück. Dann dachten Toedts an Arbeit mit Kindern, doch der Pfarrer fragte, warum denn nicht mit Gefangenen, mit Menschen, die niemanden haben? Er hatte selbst ein Gefängnis betreut. Von dort kannte er Sebastian, der seine Frau im Suff erstochen hat und heute nicht mehr sagen kann, warum.

Über erste Kontakte in Bayern bauten sie ein kleines Netzwerk auf, das von Asien bis nach Amerika reicht. Henry schreibt von den Weinbergen, vom Nürnberger Christkindlesmarkt und von der politischen Lage in Deutschland. Er schreibt von ihrer Hochzeitsreise damals nach Paris und wie sie Glücksmünzen am Place de la Concorde in den Brunnen warfen. Er schreibt über ihr altes Leben in Wohlstand und wie viel schöner ihr neues ist.

Manchmal zitiert er Patti Smith in seinen Briefen: Warum soll ich mich mit fremden Menschen über nichts unterhalten?

Er schreibt vom neuen Job, den ihm das Arbeitsamt aufgebrummt hat. Er steht jetzt immer um halb fünf auf, um Brötchen auf die Dörfer zu bringen. Moni kocht ihm jeden Morgen Tee, und wenn er zurückkommt, frühstücken sie. Wenn ihre Briefe ins Ausland gehen, schreibt Henry sie auf Deutsch mit Bleistift vor und dann mit blauer Tinte auf Englisch. Moni malt mit Buntstiften die Blumen aufs Papier. Sie lernt jetzt auch ein bisschen Englisch. Vor allem für Shawna aus Phoenix, Arizona.

Henry schreibt: “Hello honey, dearest sister”, auch wenn sie sich mehr wie ein Tochter anfühlt. Gerichtsakten zeichnen einen verworrenen Tathergang nach. Shawna Forde arbeitete 2009 für einen privaten Sicherheitsdienst an der mexikanischen Grenze. Manchmal versorgte sie das FBI mit Infos über Gangs aus der Gegend, die sich zu Drogen- und Waffendeals trafen. Eines Tages stürmte eine Gruppe Bewaffneter ein Haus an der Grenze. Darin befanden sich ein Mann, eine Frau und ein kleines Mädchen. Die Gruppe eröffnete gleich das Feuer, Mann und Kind waren sofort tot.

Arbeitsteilung: Henry Toedt schreibt die Briefe, Monika malt Blumen dazu

Die überlebende Frau gab später an, Shawna Forde sei beteiligt gewesen, sie identifizierte sie auf einem Foto. Shawna sagt, sie sei nicht einmal in der Nähe gewesen. Wer die Männer waren, FBI, Gangmitglieder, alles ungeklärt. Nur Shawna Forde wurde zum Tode verurteilt. Sie teilte sich früher mal eine Zelle mit Debra Milke, die zu Unrecht verurteilt worden war, ihren Sohn ermordet zu haben. Sie kam 2013 nach 23 Jahren in der Todeszelle frei.

Shawna Forde sitzt heute in Einzelhaft. Ihre Kinder haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. Briefe sind die einzige Brücke zur Außenwelt. Sie betrachtet das Foto, das ihr Moni und Henry aus München geschickt haben. Sie schreibt: “Ich liebe das Oktoberfest-Bild! Ihr habt schöne Mädchen in Deutschland. Doch keiner ist so schön wie Ihr.” Manchmal verstehen sie den Slang in ihren Briefen nicht. Dann muss Shawna erklären: LOL = Laut lachen. – OMG = Oh mein Gott!

Ein letzter Lebenstraum

Nächstes Jahr, wenn die Rente kommt, wird alles etwas leichter. Vielleicht werden sie wieder umziehen. Für ihren größten Wunsch wird das Geld wohl nie reichen. Henry und Moni würden gerne ihre Freundin Shawna besuchen, doch ein Flug nach Arizona ist teuer. Bis dahin werden sie weiter schreiben. Pünktlich alle zwei Wochen. Das gilt für alle Gefangenen gleich.

Manche von ihnen sind eifersüchtig, wenn sie erfahren, dass sie nicht die einzigen sind. Viele brechen den Kontakt später ab, sobald sie aus der Haft entlassen sind. Sie wollen ihre Vergangenheit und alles, was damit zusammenhängt, hinter sich lassen.

Henry und Moni Toedt können das ganz gut verstehen.

www.welt.de/vermischtes/article150682052/Wenn-ein-Paar-sein-Glueck-bei-Verbrechern-findet.html

SOCKEN// Winter 2016

13. Januar 2016

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im januar zu beziehen über “designe, kleine”// wallstraße 26// frankfurt-sachsenhausen

fitness

10. Dezember 2015

aktiviere dein power-house
& lach dir ins fäustchen

leg deinen kopf
schief zum laufen

atme ein, atme aus
& höre auf zu rauchen.

FÄUSTLINGE 2015

22. November 2015

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alle photos: jutta feit

Weihnachtsmarkt im Kunstverein Familie Montez

21. November 2015

Komm in den Schoß der Familie Montez zu Kaffee, Kuchen, menschlicher Wärme (**und natürlich der, die aus unserem neuen Heizungsgebläse kommt) und der Gelegenheit besondere Weihnachtsgeschenke zu finden

Es gibt Kunst, Bücher, Textiles, Spielzeug, Keramik, Siebdrucke und vieles mehr von Dreimorgen, Julia Mantel (http://www.fixpoetry.com/autoren/literatur/julia-mantel), Neue Freunde, Sylvain Merot, Alexandra Maxeiner und von Zubinski (aus dem Labor), Katrin Feller, Raw Art Foundation, AndreaMaria Bresson (http://www.tex-art.de/), Daniel Knußmann (http://cargocollective.com/DKnussmann/Puzzle-Picture), Kerstin Lichtblau (http://www.kerstin-lichtblau.de/cms/), Corinna Mayer (http://www.corimayer.de/), Susanne Schütz (http://www.susanneschuetz.com/), Jordan K. Artmaster, Jaro Cerny, Andrea Ketter-Haase (http://www.ketter-haase.de/), Sybille M.Rosenboom (http://www.sibylle.rosenboom.de/), Karin Rosemarie Bleser (http://www.karo-fotokunst.de/), ALMA (http://www.almastore.de/), Piotr Bilewicz, Katja Friderike Jüttemann (http://www.katja-juettemann.de/), Lukas Kaczor (http://www.kaczorvisual.de/), Natalie Goller (http://www.nataliegoller.de/)

12. Dezember - 13. Dezember
Von 12. Dezember um 13:00 bis 13. Dezember um 18:00

Jeweils um 17h lese ich für eine halbe Stunde neue Gedichte.

Höchster Designparcours vom 27. bis 29. November

21. November 2015

Diesen Winter findet der 7. Höchster Designparcours von Fr 27. bis So 29. November 2015 – zeitgleich mit dem Höchster Weihnachtsmarkt – statt. Erstmalig wird bei dieser Ausgabe auch der Höchster Designparcours-Preis vergeben. Aus den teilnehmenden Labels prämiert eine Jury die drei besten angebotenen Produkte.

Zusätzlich lädt ein Gewinnspiel BesucherInnen dazu ein Höchst und die Ausstellungsorte zu entdecken: Wird an allen Ausstellungsstationen jeweils ein Stempel gesammelt, winkt die Chance auf einen 50 Euro-Einkaufsgutschein bei einem der teilnehmenden Labels.

HERVORRAGEND GEEIGNET, UM WEIHNACHTSGESCHENKE ZU KAUFEN!
UNVERMITTELBAR HAT EINEN STAND IN DER BOLONGAROSTRASSE 109.

brotlos, brustlos

31. Oktober 2015

brotlos bin ich /brustlos nicht
leg dich zu mir/das macht sinn
wir beide/so bemerkenswert
& rumgekommen/steuern gemeinsam
auf die altersarmut hin.

kein twitter/ kein facebook/
handies bleiben bitte ausgeschaltet.

letztes viertel

5. Oktober 2015

seit gestern freunden sich
die strassen wieder
mit dem nass an pechschwarz
hängen sie zwischen den alleen
oder schlängeln sich die hügel empor
ach ja, am silvesterabend machen wir
doch immer bleigießen, du hakst deine liste ab
& guckst lange in den timer
unterstreichst dein soll und haben
wie eine gute freundschaft
“in den schaufenstern fangen
sie jetzt schon mit der weihnachstdeko an” sagst du
mutter hat früher immer
reinhard mey gehört:
“wirklich schon wieder ein jahr.”
fand ich damals ziemlich sentimental.

“Freiheit ist kapitalistischer Mainstream”

4. September 2015

Die Mittelschicht schafft sich ab, Bildungsabschlüsse verlieren an Wert, und der Neoliberalismus vereinnahmt selbst diejenigen, die ihn bekämpfen sollten – beste Voraussetzungen, um das ganze Gesellschaftssystem ins Wanken zu bringen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch.

Die einen blühen auf im sonnigen Eigenheim, die anderen bleiben in sozialer Tristesse gefangen: Die Schere zwischen arm und reich wird immer weiter aufgehen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch.

SZ-Magazin: Die Konjunktur in Deutschland ist gut. Es scheint, als ginge trotzdem die Angst vor dem Abstieg um. Stimmt das?
Cornelia Koppetsch: Viele Menschen hier befinden sich in ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Sie haben wenig Halt in der Gegenwart und das Gefühl, ihr eigenes Leben nicht planen zu können. Das aber ist die Voraussetzung für ein funktionierendes kapitalistisches System: dass die Beschäftigten ein Minimum an Zukunftssicherheit im Leben haben.

Das hieße, wenn jeder Mensch sich in diesem Zustand befände, wäre der Kapitalismus am Ende?
Theoretisch schon. Wenn größere Bevölkerungskreise die Kontrolle über ihr Leben verlieren, wie dies in Entwicklungsländern der Fall ist, ziehen sie sich oft in gegenwartsbezogene Lebensformen zurück. Sie kümmern sich nicht mehr um die Zukunft, sie bringen sich auch in der Arbeit nicht mehr ein. Es ist eine offene Frage, wie sich dies in Deutschland entwickelt. Hier leben etwa 25 Prozent in gefährdeten Lagen, zehn Prozent in verfestigter Armut. Das ist eine Menge. Da kann man sich schon fragen: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn vielen ihrer Mitglieder eine Existenz im Rahmen der herrschenden Ordnung verwehrt wird?

Könnte sich der Kapitalismus selbst abschaffen?
Bisher sieht es bei uns eher so aus, dass wir in einer durchrationalisierten Gesellschaft leben, aus der wir einige in die Prekarität entlassen. Auch wenn ihre Lebensstrategien nicht mehr greifen, werden die Ausgeschlossenen versuchen, das gewohnte System aufrechtzuerhalten. Aber es wäre interessant, das zu Ende zu denken.

Sie schreiben, dass vor allem die Mittelschicht sich das eigene Grab schaufelt. Wie das?
Der Finanzmarktkapitalismus beinhaltet, dass die Finanzmarktakteure in die Unternehmenspolitik eingreifen – im Sinne einer Maximierung von Gewinn. Das geschieht über den Shareholder-Value: Die Mittelschichtsbürger, die ein bisschen Vermögen haben und dieses, weil sie auf dem Sparbuch nichts mehr bekommen, an der Börse anlegen, sind mit dafür verantwortlich, dass bestimmte Jobs immer prekärer werden: Wenn Unternehmen in wachsendem Maße durch Aktionäre und Fondsgesellschaften kontrolliert werden, orientieren sie sich an kurzfristigen Gewinnmöglichkeiten und versuchen vor allem, die Kosten für Arbeit zu senken. Es ist billiger, Arbeitnehmer befristet zu beschäftigen und beispielsweise Leiharbeiter einzustellen. So trägt jeder Shareholder zur Aushöhlung der Arbeitnehmerschaft bei.

Auch mit kleinen Anteilen an einem kleinem Aktienfonds?
Absolut. Dies zeigt sich nicht nur in Deutschland. Unternehmen in den USA zum Beispiel siedeln sich in amerikanischen Bundesstaaten an, die keine Gewerkschaftsbindung haben, in denen die Rechte der Beschäftigten also nicht so groß sind. Sie argumentieren damit, dass sie ihre Aktionäre verlieren, wenn sie das nicht tun. Die Aktionäre sind Mittelschichtsbürger, ihre Aktien werden von Fondsverwaltern betreut. Und das anlagesuchende Kapital der Mittelschicht ist beträchtlich. Die gehobene Mittelschicht ist heute vermögender als je zuvor – in Deutschland durch den sozialen Aufstieg in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab ja seitdem keine Kriege und Krisen, die noch bis Mitte des 20. Jahr-hunderts immer wieder Vermögen vernichtet hatten. Stattdessen hat eine Akkumulation von Privatvermögen stattgefunden, die weit in die Mittelschicht hineinreicht: Wir haben anlagesuchendes Geldvermögen im Überfluss, wir sind überliquide. Dadurch steigt das Risiko, dass sich Blasen an den Finanzmärkten bilden: Geld hört auf, Kapital zu sein, wenn mit dem angelegten Geld keine Güter oder Dienstleistungen mehr produziert werden.

Sie bemängeln auch, dass wir unsere Bildung entwerten, indem wir uns immer weiter bilden. Wie das?
Wir beobachten, dass viele besorgte Eltern zu immer aufwendigeren Mitteln greifen, um die Zukunft der Kinder zu sichern: Elitekindergärten, Privatschulen, Auslands-aufenthalte. Wenn immer mehr Menschen in immer höhere Bildung investieren, werden herkömmliche Bildungseinrichtungen und Bildungszertifikate entwertet. Es findet ein Überbietungswettbewerb statt: Wir können auf so viele Lehrlinge zurückgreifen, wir nehmen jetzt nur noch die mit Abitur – dann landen Realschulabsolventen in ungelernten Jobs, und die Hauptschüler kriegen gar keinen. Alles rutscht eine Stufe tiefer, weil die Spitze immer exzellenter wird. Oder die Elite-Universitäten: Die Ehrgeizigen zieht es dorthin, die übrigen Universitäten werden zu zweitklassigen Bildungsanstalten herabgestuft. Nur: Die Berufsaussichten für den Einzelnen werden dabei nicht besser. Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.

Wie könnte man dem Einhalt gebieten?
Das weiß ich nicht. Ich kann es nur feststellen. Wenn man sich auf das Wettbewerbsspiel einlässt, trägt man dazu bei, dass diese Strukturen reproduziert werden. Das Mitspielen enthält eine Mittäterschaft. Dessen muss man sich bewusst sein.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty schreibt in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert: Wenn das Kapital ungehindert wachse, der Ertrag der Arbeit hingegen zu niedrig sei, sei kein sozialer Aufstieg mehr möglich. Sehen Sie das auch so?
Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter aufgehen. Aber das Kapital wird ins Leere greifen, wenn zu wenige profitable Unternehmen gegründet werden. Dies zeigt sich aktuell gerade bei uns in Deutschland. Hier wird sehr viel Geld gehortet und wenig investiert. Ein Kredit ist ja letztlich eine gesellschaftliche Beziehung: Wenn ich – und sei es nur als Mittelstandskapitalist – Geld in Form von Anleihen, Aktien oder Fonds anlege, um eine Rendite zu erzielen, verlasse ich mich darauf, dass es Unternehmen gibt, in denen Personen arbeiten, die eine Wertschöpfung erzeugen und damit einen Profit erzielen. Das wird manchmal vergessen. Wenn Geldanlagen nicht in realwirtschaftliche Produktivitätskreisläufe eingebunden sind und keine Güter oder Dienstleistungen erzeugen, wird das Geld selbst zum Anlageobjekt. Es kommt zu einer Kette von Schuldbriefen, an deren Ende weder Geld noch ein Produkt steht.

Warum investieren Menschen dann?
Die Anleger glauben, ein Naturrecht auf Gewinne zu haben, ohne sich die geringsten Gedanken darüber zu machen, wo die Unternehmen dazu herkommen sollen. Und ohne selbst ein unternehmerisches Risiko zu übernehmen. Das sind die Nachkommen der Bessergestellten, die Erben, die von unten nicht mehr eingeholt werden können. Der heutige Finanzmarktkapitalismus hat Eigentum und unternehmerische Tätigkeit entkoppelt. Das hohe Lied der unternehmerischen Tugenden predigt man lieber den einfachen Arbeitnehmern: Sie sollen zu Arbeitskraftunternehmern werden, Ich-AGs gründen und eigenverantwortlich handeln. Doch die Rechnung geht nicht auf: Ein wachsender Teil der Armen, vor allem derer mit geringer Qualifikation, hegt auch subjektiv kaum mehr Aufstiegsambitionen. Die haben sich längst ausgeklinkt.

Piketty ist für eine Reichensteuer. Was denken Sie?
Die globale Reichensteuer wäre die einzige Möglichkeit, eine Umverteilung in Gang zu setzen, um einen demokratischen Kapitalismus zu installieren. Es kann nicht sein, dass unsere Gesellschaft immer schneller rotiert, nur um die Ansprüche von Eigentümern zu befriedigen, während die Rechte von Arbeitnehmern immer weiter beschnitten werden. Solange das nur eine Nation versucht, ist klar, dass das Kapital abwandert – in Steueroasen und in Länder, in denen Arbeitnehmer weniger Rechte haben. Ich habe das neulich mal in der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgeschlagen: Wenn wir politisch eingreifen wollten, müssten wir diejenigen besteuern, die in unserer Klassengesellschaft der Vermögensbesitzer besonders mächtige Akteure sind. Die haben sich kaputtgelacht. Offenbar ist es realpolitisch eine naive Idee. Aber es wäre eine Möglichkeit, sich das mal anzugucken. Studien dazu in Auftrag zu geben. Es geschieht nichts.

Wie nah stehen sich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften?
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler denken völlig unterschiedlich. Viele Wirtschaftswissenschaftler behaupten: Die Marktkräfte regulieren sich selbst, da muss keine Gesellschaft eingreifen. Die Soziologen hingegen argumentieren: Ohne Rückbindung an eine gesellschaftliche Ordnung kann kein Kapitalismus existieren. Eine völlige Entfesselung der Marktkräfte – das zeigt in der jüngsten Vergangenheit ja auch der Zusammenbruch der Finanzmärkte – ließe das System implodieren. Vermutlich allerdings nicht, ohne vorher auch die Umwelt zerstört zu haben, denn das immer weitere Wachstum der Ökonomie wird die Umweltressourcen aufbrauchen. Und es ist ebenfalls verheerend, die sozialen Ungleichheiten zu groß werden zu lassen, weil das die gesellschaftliche Integration gefährdet und die Zivilgesellschaft dann nicht mehr funktioniert.

Wie sieht das dann aus?
Besucher aus Russland oder anderen BRICS- Staaten, also den aufstrebenden Volkswirtschaften, zu denen noch Brasilien, Indien, China und Südafrika zählen, wundern sich, überspitzt gesagt, dass wir hier ohne Pistole ins Schwimmbad gehen können. Dass es eine funktionierende Zivilgesellschaft gibt, in der öffentliche Räume nicht durch Gewalt bedroht werden und siche-res Leben auch außerhalb der Gated Communitys möglich ist. Dass wir relativ hohe Konsumstandards und ein hohes Niveau bürgerschaftlichen Engagements haben. Diese Zivilgesellschaft ist gefährdet, wenn Ungleichheiten weiter zunehmen.

Die Ungleichheiten waren vor den Neunzigerjahren kleiner. Warum?
Die Nachkriegszeit war die goldene Phase des demokratischen Kapitalismus, weil der Sozialstaat expandierte und dank steigender Löhne die gesamte Bevölkerung zu kaufkräftigen Konsumenten wurde. Auch die Arbeiter. Facharbeiter wurden verbürgerlicht, sie verloren ihre proletarische Kultur. Standardisierte Konsumgüter wurden in Massen produziert. Und weil es – im Vergleich zu heute – weniger Export gab, musste man den Arbeitnehmer gut entlohnen, damit er den Kühlschrank, die Stereoanlage und später den Mercedes kaufte. Wir hatten keine Reservearmee.

Was ist die Reservearmee?
Personen, die wirtschaftlich eigentlich überflüssig sind, die nicht mehr richtig eingebunden sind. In ökonomischer Hinsicht gehören sie zu den Verlierern in einer Gesellschaft. Man hat diese Leute aber in petto, weil man sie vielleicht irgendwann braucht. Früher, nach der Feudal-gesellschaft, im Frühkapitalismus, war das die ehemalige Landbevölkerung, die auf der Suche nach Arbeit in die Städte gewandert war, dort proletarisiert wurde und das Existenzminimum erwirtschaftete – wenn überhaupt. Heute sind es Leiharbeiter und Saisonarbeiter, die nur beschäftigt werden, wenn man sie benötigt.

Und in Deutschland braucht man den Konsumenten nicht mehr?
Wenn man eine Exportnation ist, so wie wir, findet man überall auf der Welt Absatzmärkte. Vor allem unsere Autos finden in China, den USA und vielen anderen Län-dern reißenden Absatz. Deutschland gilt als Exportweltmeister. Der starke Inlandskonsument ist dann nicht mehr wichtig.

Was für Folgen hat das?
Man braucht die Arbeitnehmer im eigenen Land immer weniger. Es kommt zu einem globalen Unterbietungswettbewerb bei den Löhnen. Unternehmen lagern ihre Produktionsstätten in Länder aus, in denen die Arbeiter weniger Rechte und soziale Sicherungen haben. In Deutschland hingegen fangen manche Arbeitnehmer verständlicherweise an, sich zu überlegen: Bevor ich mich in ausbeuterischen Jobs kaputtmache, gehe ich lieber auf Hartz IV – das ist nicht viel, aber ich habe auch keinen Schaden. Sie verlassen die Reservearmee. Und die Unternehmen versuchen in anderen Ländern ihr Glück. Global existieren die Reservearmeen von unterbezahlten Arbeitnehmern noch, aber wie lange?

Bleibt der Facharbeiter Teil der Mittelschicht? Wie setzt die sich heute zusammen, jenseits der überliquiden Erben?
Die Matrix sozialer Distinktion hat sich durch den Neoliberalismus ja sehr verändert: durch den Niedergang des Ostblocks, den Verlust einer alternativen Gesellschaftsordnung und die Globalisierung. Die Mittelschicht schimpft nicht mehr auf die Eliten, sondern möchte selbst dazugehören und grenzt sich eher nach unten ab. Neue Gruppen sind entstanden – wie die Kreativen in den Kultur- und Medienberufen. Die Kreativen wollen nicht spießig sein, machen sich lustig über die Gartenzwerge ihrer Eltern, sind aber selber kleinbürgerlich. Sie verdienen keineswegs besser als ihre Eltern, es geht ihnen eher schlechter. Und doch ist es genau diese Gruppe, die sich als erste in das neoliberale Projekt hat einbinden lassen.

Wie meinen Sie das?
Die Kreativen fühlen sich frei. Doch sie zahlen dafür einen hohen Preis: wenig zu verdienen und in unsicheren Verhältnissen zu arbeiten. Der Hype der Kreativberufe schafft auf Seiten der Arbeitgeber neue Möglichkeiten: Die Unternehmen geben unattraktive Jobs nun als »kreativ« aus, weil man sie, versehen mit dem Selbstverwirklichungsbonus, besser an den Mann oder die Frau bringen kann – und mit weniger Sicherheiten und Gehältern ausstatten muss. In der Werbebranche kann man das gut sehen: Den Gebrauchsgrafiker, der ursprünglich ein Handwerker war, tituliert man als Kreativen – und bezahlt ihn schlechter. Man flacht die Hierarchien ab, reduziert die Personalkosten und dünnt aus.

Würde es helfen, wenn die Mittelschicht sich solidarisieren würde?
Die Mittelschicht war nie eine richtige Solidargemeinschaft. Dazu war sie immer schon zu breit und vielfältig. Sie hat sich nie organisiert wie die Arbeiterklasse – außer vielleicht die Achtundsechziger, die kamen aus der Mittelschicht. Nein, da trifft eher die Künstlerideologie mit dem Neoliberalismus zusammen.

Inwiefern?
Die Künstler sagen: Jeder ist anders und hat sein individuelles Feld. Dadurch verbaut man sich die Möglichkeit, kollektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder Unterbezahlung vorzugehen. Künstler und Kreative sind selten in Gewerkschaften oder wirksamen Berufsverbänden organisiert. Das Gegenstück zu den kreativen Berufen stellen die Professionen dar: Professionsverbände wie der Ärzteverband oder der Verband der Hochschullehrer sind gut darin, für ihre Mitglieder gute Arbeitsbedingungen und Honorare oder Gehälter durchzusetzen. Die Kreativen haben das scheinbar nicht nötig.

Was folgt daraus?
Es gibt bei den Kreativen Gewinner und Verlierer. In Städten wie Berlin sieht man das: Einigen gelingt bis Mitte dreißig der Absprung in eine gesicherte Existenz. Die anderen werden mit zunehmenden Alter Schwierigkeiten bekommen.

Sie haben mal einen Text über zwei Frauen in dieser Lebensphase geschrieben, die lange an die Botschaft der autonomen Lebensführung geglaubt haben. Trotz guter Ausbildung schaffen sie in den 1990er-Jahren den Sprung in »gesicherte Lebensumstände« nicht.
Sie fühlen sich ausgestoßen und verachtet von ihrem eigenen Milieu, weil sie ja vermeintlich auch noch selbst schuld sind an ihrem Scheitern. Wobei natürlich keiner zugäbe, dass jemand ausgegrenzt wird, weil er den Sprung auf die andere Seite nicht mehr geschafft hat.

Woran liegt es, dass viele den Sprung nicht mehr schaffen?
In der Welt der Hochschulen konnte man früher lange auf dem Ticket fahren: ab und zu mal eine Wissenschaftliche-Mitarbeit-Stelle, dann zwei Jahre arbeitslos. Es gab viele Alternativen zu einer gesicherten Beschäftigung, an den Unis oder durch ABM-Maßnahmen oder durch die Arbeit im sozialen Bereich. Dann wurden viele dieser Beschäftigungsnischen geschlossen, es stellte sich die Frage: Wie sieht der Rest meines Arbeitslebens aus? Kriege ich später überhaupt Rente? Einerseits zollen die Leute aus dieser Generation immer noch der autarken Lebensführung Respekt. Andererseits sind sie ungnädig mit denen, die auf keinen grünen Zweig kommen.

Sind die Kreativen also jetzt treue Diener des Neoliberalismus?
Ich glaube ja. Und das ist der Trick an der Sache. Das haben die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Werk Der neue Geist des Kapitalismus herausgearbeitet: Die einst gegenkulturell formulierten Ideale wie Autonomie, Emanzipation, Eigenverantwortung, Freiheit, Kreativität sind vom kapitalistischen Mainstream vereinnahmt worden. Sie enthalten kein Widerstandspotenzial mehr. So erkläre ich mir auch die Wiederkehr der Konformität, den Neokonservatismus: als Abwehr von neoliberalen Freiheitszumutungen. Kreativ zu sein und eigenverantwortlich zu handeln ist heute nicht mehr subversiv, sondern gehört zu den von Arbeitgebern geforderten Tugenden. Diese Attribute sind auf die Seite des Kapitalismus gewandert. Deshalb sagen gerade jüngere Menschen jetzt: Wir möchten nicht mehr frei sein, wir möchten Tradition. Sicherheit. Etwas, was bleibt. Gesetze und Verbote. Das, was heute knapp und kostbar erscheint, ist nicht mehr die Freiheit, sondern die Bindung. Sicherheit. Manchmal führt dies zu regelrechten Abwehrreaktionen: Alles, was die Achtundsechziger-Generation als Werte eingeführt hat – sexuelle Toleranz, Vielfalt, Befreiung –, wird verteufelt. Nicht nur bei den Rechten, auch in der sogenannten Mehrheitsklasse, im Mainstream der Bevölkerung.

Führt das zu einer unpolitischen Haltung?
Im Generationenvergleich schon. Meinungsumfragen wie zum Beispiel die Shell-Jugendstudie zeigen, dass sich die jüngere Generation oft ins Private zurückzieht. Sie konzentrieren sich darauf, persönlich weiterzukommen, und setzen sich dadurch weniger mit Politik auseinander.

Welche Generation meinen Sie?
Generation Maybe. Die Generation der nach 1975 Geborenen. Sie sind die erste Generation, die mit den Folgen der Globalisierung aufwächst und unter sehr viel schlechteren Bedingungen in das Erwerbsleben einsteigt als ihre Eltern. Dennoch wollen die jungen Leute ihre Probleme nicht im gesellschaftlichen Rahmen deuten. Es liegt an einem selber, ob man die richtige Entscheidung trifft. Das heißt nicht, dass man sich nicht für Wirtschaft interessiert, aber man verknüpft das eigene Leben nicht damit. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich die jüngeren Generationen gern von den älteren distanzieren. Die Babyboomer sind mit Ostermärschen, Feminismus und AKW-Bewegung aufgewachsen. Die nachfolgende Generation misstraut diesen Ideologien zutiefst. Und manchmal vielleicht auch zu Recht. Denn das, was den Achtundsechzigern vorgeschwebt hat, tritt den Jüngeren jetzt als geronnene Herrschaftsstruktur gegenüber. Linke Haltungen werden heute häufig von denen gepredigt, die auf den gesellschaftlichen Logenplätzen sitzen. Zum Beispiel von den Achtundsechzigern, die sich in guten Positionen befinden und die Jungen schlecht bezahlen. Weil sie überhaupt keine Lust haben, ihre Privilegien mit den Jüngeren zu teilen oder an Ausgegrenzte abzugeben. Das erzeugt Misstrauen.

Sie schreiben: Vielleicht gelingt es einer nachfolgenden Generation, die Mittelstandslogik zu überwinden. Welche Generation wäre das?
Es könnte sein, dass die Kinder der Jüngeren, der heute so Angepassten, sich politisieren. Die Generation, die jetzt in den Startlöchern steht, ist nicht mehr zu politisieren. In Zeiten wie diesen gibt es zu wenige Haltepunkte, um sich zu formieren. Der Umbruch ist ja da und wirklich beängstigend. Wenn die Gesellschaftsordnung, die jetzt im Entstehen begriffen ist, sich etabliert, wenn man sieht, wie die Kräfteverhältnisse sind, kann man sich wieder kritisch positionieren.

Mein Sohn ist 21 und will Ökologe werden. Ein Professor sagt, die Hälfte seiner Studenten seien Vegetarier. Das ist doch politisch.
Ein bisschen schon. Was fehlt, ist eine konkrete Alternative zur heutigen Gesellschaftsordnung. Wobei man auch sagen könnte: Diese Generation ist pragmatisch. Wenn sie sich politisch betätigt, dann nur, wenn sie einen unmittelbaren Erfolg sieht. Die Jüngeren wagen keine Utopie, keinen wirklichen Gegenentwurf. In Grabenkämpfe und Statuskämpfe klinken sie sich nicht ein. Aber das wäre Politik.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43404/Freiheit-ist-kapitalistischer-Mainstream

hitze

10. August 2015

schweiss
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