Porträt von Wolfgang Rüger auf Textor
Monday, den 2. February 2026Der legendäre Wolfgang Rüger hat sich meiner Gedichte angenommen und ich fühle mich überaus geehrt.
Ich denke, sein Porträt gibt mich und meinen Werdegang sehr gut wieder.
Wunderbar, dass sich sein Antiquariat in meiner unmittelbaren Nachbarschaft befindet.
Danke, lieber Wolfgang, für Deine Mühe! Danke, lieber Alfred, für das Photo! Danke, liebe Textor-Redaktion, für die Publikation!
DIE WORTJONGLEURIN
Es ist das Leichte, das so schwer zu machen ist. Doch einige Künstler:innen haben ein Händchen dafür. Julia Mantel ist sehr erfolgreich mit Gedichten, die die Eitelkeiten unserer Gegenwart, die gnadenlose Geldgier ihrer Reichen, die prekäre Situation ihrer Opfer und die Unmündigkeit der Netzabhängigen aufgreifen. Geschickt pflückt sie die Früchte, die vom Baum der Spruchweisheiten und Redewendungen herabhängen und bringt sie lakonisch-gewitzt ins Sprach- und Denkspiel. Wolfgang Rüger porträtiert die Lyrikerin.
Ein Vers von Wondratschek könnte das Motto von Julia Mantels Gedichten sein: „Erzähl den Verlierern vom Ende der Sieger!“ Wenn man ihr noch schmales Werk in einem Rutsch liest, dann kristallisiert sich so etwas wie die Philosophie des Verlierens heraus. Das Leben besteht nur hin und wieder aus kleinen Glücksmomenten, im Ganzen ist das Dasein für alle der lange Kampf gegen den größten Verlust: das Lebensende. Der Tod besiegelt alles. Elizabeth Bishop hat in ihrem berühmtesten Gedicht „On Art“ die Kunst des Verlierens durchbuchstabiert.
Julia Mantel thematisiert das Abhandenkommen in vielen ihrer Gedichte. Sie kennt das Leben aus unterschiedlichsten Perspektiven, wenn man ihren biographischen Angaben glauben darf. Die Siegerseite ist ihre Warte nicht. Den Großteil ihres erwachsenen Lebens hat sie in prekären Verhältnissen gelebt. Wie viele andere Dichter vor ihr. Die, die von unten nach oben blicken, sind meist missgünstig, rechthaberisch und verbittert. Nichts davon in den Gedichtbänden von Julia Mantel. Hier gilt, was Brinkmann im Vorwort von Silverscreen schon gelobt hat: „Die herrische Geste des Besserwissens, des Belehrens sowie die gusseiserne Autorität ‚Dichter‘ ist in diesen Gedichten nicht vorhanden.“ In der Nachfolge eines William Carlos Williams („This is just to say“) oder einer Lenore Kandel („To fuck with love“) erzählt uns Mantel in ihren Gedichten Momentaufnahmen aus ihrem Erleben.
Dafür benutzt sie eine einfache, für jedermann verständliche Sprache. Es gibt keine formale Strenge. Ihre Miniaturen kommen mühelos daher und sind zeitlos, weil sie den Leser teilhaben lassen an banalen Ereignissen, die jeder schon mal erlebt hat. Die Kunst ist, diese Alltäglichkeiten so zu erzählen, dass sie einen Aha-Effekt auslösen, dass die Sprache einem unverwechselbaren Ton folgt, dass der Leser die Gedichte gerne liest. Mantel schafft das durch Lakonie, Humor und den lockeren Umgang mit Reimen. Was sich wie dahergeplaudert liest, ist das Ergebnis harter Arbeit im Bergwerk der Worte.
Neben aller Verspieltheit hat Mantel einen gnadenlosen Blick für die Probleme der unterbezahlten Arbeitnehmer („Je näher die Arbeit/ am Menschen,/ desto schlechter/ die Entlohnung“), ihre Gesellschaftskritik streut sie aber nur beiläufig in ihre Verse. In „Lamento vom Lametta“ treibt sie ihre Wortspiele auf entlarvende Weise auf die Spitze. Eine bitterböse Anklage an die Wohlstandgesellschaft, in der sich junge Frauen mit Hilfe von Schönheitschirurgen das Gesicht versauen lassen, die Lippen zu Schlauchbooten werden, mit deren Hilfe am äußeren Rand von Europa, wenn sie Glück haben, Flüchtlinge aus Afrika auf den gelobten Kontinent gelangen wollen.
Ein zweimonatiges Stipendium führte Mantel 2023 nach Lorch am Rhein. In dieser Rheingauidylle stößt sie im Kleinen auf die Miseren im Großen. Daraus entstanden ist „Horch doch Lorch“. Für mich ihr schönstes Werk, weil neben ihren Gedichten auch ihre Fotos diesen Blick für das vielsagende Detail dokumentieren. Die Großstadtdichterin geht hier vollkommen auf in der Natur, in den Weinbergen und umliegenden Wäldern. Der fehlende Handyempfang, sonst als „Supergau“ empfunden, wird zum Vorteil auf dem Hochsitz, auf dem sie zusammen mit einem Förster drei Stunden lang auf die Brunftschreie der Hirsche wartet. Das Ausharren erfordert Geduld und Kontemplation, aber das lange Stillsitzen wird am Ende belohnt mit einem unvergleichlichen Konzert, das nur ein Ziel hat: „Alles für die Girls.“ Welch ein Kontrast zu dem Röhren der Motorräder, die eingangs des Gedichts von den Platzhirschen „in ihren Röhrenjeans“ durch die Kurven gejagt werden mit genau dem gleichen Ziel: Eindruck bei den Weibchen zu hinterlassen.
Mantel findet in Lorch Platz zwischen den Erntehelfern aus Somalia, an der Seite derer, die „Rücken haben“, wenn sie abends von der Weinlese nach Hause kommen. Gerade weil sie aus eigener Erfahrung weiß, dass auch eine gute Ausbildung nicht automatisch vor Armut schützt („Nicht jeder der in jungen Jahren/ fleißig an der Tafel steht,/ steht dann später nie wieder/ an der Tafel.“), schätzt sie die „helfenden Hände“ und sieht die Scham in der Almosenschlange, in der „Deutsche,/ Geflüchtete aus der Ukraine,/ aus Afghanistan/ und anderen Gebieten“ stehen.
In fast allen Gedichten geht es Mantel um das Verhältnis der Menschen untereinander. Wie bewältigt man Einsamkeit; wie verhält man sich zu den gesellschaftlich Abgehängten; was reizt, was zieht die Geschlechter an? Die intensiven Momente im Miteinander sind ihr Thema. Verkitschte love poems sind nicht ihr Ding. Eher reflektiert sie die Liebesgeschichten vom Ende her („wovor hast du angst/ …/ vor dir nicht/ sag ich/ aber vor der/ erinnerung/ an uns.“). Oder sie wundert sich über die Stereotypen in Beziehungskisten („komisch,/ dass wir uns gefunden haben/ in der wiederholung/ komisch,/ dass man von alten gewohnheiten/ nicht lässt/ wenn man sich dabei/ schon einmal/ quasi/ die finger verbrannt hat.“). Und ihr Umgang mit dem Thema Sex ist erfreulich unverkrampft. Für eine Dichterin, die sich als Feministin versteht, schlägt sie auf diesem Gebiet ziemlich aus der Art („denn liebe geht bekanntlich durch den magen und die möse“).
Wer ihr schon mal persönlich begegnet ist, wird vor allem ihr schallendes Lachen in Erinnerung behalten und nicht auf die Idee kommen, dass es neben dem Fröhlichen in ihrem Wesen auch etwas Dunkles gibt. Ein Teil ihrer Gedichte schaut in die eigenen Abgründe. Dort arbeitet sie sich vor allem ab an den Ansprüchen ihres damaligen Umfeldes, die sie nie erfüllen konnte („die geister, die ich rief, rief ich schon viel zu lange“). Sie fängt ein Studium an, kommt bei einem Schönheitswettbewerb in die letzte Runde, wird in Mailand als vielversprechendes Model gehypt, und fühlt sich doch von allem absolut überfordert und angeekelt. Instinktiv weiß sie, dass sie von den Menschen um sie herum benutzt wird, dass sie fremdbestimmt ist, dass der eingeschlagene Weg der falsche ist. Sie bricht ihr Studium ab, gibt das Modeling auf, macht dies und das und leidet darunter, keine von ihren Eltern erwartete bürgerliche Karriere hinzubekommen, ihr Leben nicht selbst finanzieren zu können. Eine tiefe Verletzung der sich schon seit Kindertagen einsam fühlenden Seele, für deren Überwindung sie viele Jahre braucht. Das Schreiben hat dabei eine kathartische Wirkung. Heute führt sie ein „authentisches Leben“, wie sie selbst sagt, und ihre unangepasste und eigenartige Poesie findet immer mehr Fans.
Ohne Erfolg und Anerkennung kann niemand ein Selbstbewusstsein aufbauen, ohne Bestätigung ist das Leben kaum aushaltbar. Wir stehen immer in Relation zu etwas. Womit wir wieder bei Wondratscheks Vers wären. Mantel hat da ihre ganz eigene Sicht: „ich verspüre/ schon lange/ eine tiefe sehnsucht/ nach menschen/ die generell alles erreichen/ und wenn sie dann/ alles erreicht haben/ darunter leiden/ dass sie alles/ erreicht haben“. Gewinn oder Verlust? Da ist eine Menge dazwischen. Der größte aller Lakoniker, Richard Brautigan, hat’s präzise auf den Punkt gebracht: „Am Leben ist mehr dran, als man auf den ersten Blick meinen möchte.“
Als Referenzen tauchen in Mantels Gedichten Namen wie Gernhardt, Emily Dickenson, Thomas Brasch und Bukowski auf. Fundierte Lyrikleser erkennen die Verweise, wissen, welche Dichter die Dichterin gelesen hat, aber Mantel wandelt traumhaft sicher auf den Spuren ihrer Vorbilder. Hier ist keine Epigonin am Werk, sondern eine Sprachkünstlerin, die sich der Tradition bewusst ist; eine Wortjongleurin, die gekonnt mit den Reimen, Kalauern, Zitaten und Anspielungen hantiert („pisst er an jede laterne/ unter der ich gerne/ stehen würde/ auch vor dem großen tor“).
Einige Jahre lang hat Mantel leidenschaftlich gestrickt. Auch bei diesem Handwerk kommt es darauf an, dass man mit seinen Stricknadeln und dem Garn die richtigen Maschen setzt. Letztlich geht es im Stricken wie im Dichten darum, dass am Ende etwas Originäres dabei herauskommt. Ihre gestrickten Hotpants in bunter Baumwolle, die man in dem Künstlerbuch „Easy Magic 123“ bewundern kann, sind ein echter Hingucker und verblüffen genauso wie der ein oder andere Vers in ihren Gedichten, zum Beispiel wenn sie in ihrem Requiem auf Doris Zement auf dement reimt, oder Wortschöpfungen raushaut wie „hartz-vier-biere“, „samamaso“, „Schandschatten“ und „Abtaun-Girl“.
Wie einst Else Lasker-Schüler im Berlin der zehner und zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist Julia Mantel in Frankfurt – und vermutlich auch in Berlin, wo sie der Liebe wegen viel Zeit verbringt – in der Kulturszene irgendwie mit allen verbandelt, mindestens so bekannt wie der nackte Jörg und wird auf der Wikipedia-Seite der Stadt Frankfurt zu den „Persönlichkeiten“ der Mainmetropole gerechnet. Wenn sie irgendwo eine Lesung macht, sollten Sie hingehen, denn auch bei ihren Live-Performances ist diese „laute, schöne Frau“ (Iris Nikulka) ein beeindruckendes Erlebnis.
www.textor.online/de/texte-detailseite/die-wortjongleurin-portraet-der-lyrikerin-julia-mantel/