Weihnachtsgeschichte: IGOR
19. December 2005Igor lag in seinem Bett und schaute sich in seinem Dachgeschoßzimmer um.
Den orangenen Teppich, den seine Eltern ausgesucht hatten wegen der guten Qualität
(„ Später wird das eine tolle Einliegerwohnung werden!“) mochte er nicht. Er fühlte sich wie immer fremd, gerade dort wo er war. In seinem eigenen Zimmer machte ihm dieser Zustand nicht mehr soviel aus, er hatte sich lediglich daran gewöhnt und seine bescheidenen „Duftmarken“ in jeder Ecke des Raumes hinterlassen.
Sein Blick fiel über die Stereoanlage, die ihm seine Großeltern zu Weihnachten geschenkt hatten. Bei der Bescherung, nachdem er alles Geschenkpapier weggerissen hatte, konnte er seine Aufregung nicht mehr verbergen und lief dermaßen rot an, dass es ihm peinlich war.
Warum mussten ihm solche unangenehmen Situationen immer wieder passieren?
Sein Gesicht war sowieso dahin, überzogen mit Aknepusteln (sogar hinten am Hals hatter er welche ) und sein spärlicher Bartflaum wuchs vollkommen unebenmäßig an den unmöglichsten Stellen.
Er hatte unregelmässige Zotteln im Gesicht, die er sich nicht traute zu rasieren wegen der Akne, die sonst zu bluten anfing, da sie weder Rasierschaum noch Rasierwasser gut zu vertragen schien, geschweige denn die scharfen Klingen eines Rasierapparates.
Igor lag also im Bett und er hatte viel Mühe darauf verwandt verrotzte und verwichste, zusammengeknüllte Tempotaschentücher zu entfernen. Das Schrubben des Lakens hatte ihn 1000 Stunden gekostet, um die Spermaflecken, die jede Nacht mehr wurden, im Schweiße seines Angesichts, mehr oder weniger unsichtbar zu machen.
Igor hatte sich schon lange damit abgefunden, dass er die Nullnummer auf dem Schulhof war. Ingo, das Physikgenie. Igor, der einsame 1, 0-er Kandidat. Nullnummer eben.
Durch die Wand hörte er seine jüngere Schwester giggeln. Sie hatte eine Freundin bei sich und die beiden Nymphen führten ihre Frauentalks.
Manchmal war er im Stande einzelne Sätze der beiden durch die Wände aufzuschnappen.
„Ja, scheiße, ich habe soviel Haare an den Beinen. Soll ich sie mir rasieren oder doch lieber mit Creme entfernen?“ Und dann meinte er eine Antwort darauf zu hören, ungefähr so: „Wenn er dich richtig liebt, nimmt er dich auch so.“
Seine Schwester hatte seit geraumer Zeit einen Freund, der Igor sehr sympathisch war. Er gehörte auch zu den 1, 0ern. Aber er war keine wirkliche Nullnummer, da er ja seine Schwester Ursel befummeln durfte.
Igor stöhnte und wischte schnell alles mit Klopapier sauber. Darin hatte er Routine gewonnen. Es gab zwei Handlungen in seinem Leben, die ihn souverän erschienen ließen: An der Tafel in der Physikstunde etwas den anderen erklären und eben beim Abwischen seiner meist Frühejakulationen mit Klopapier.
Diese Fähigkeiten konnte ihm nicht jeder nehmen.
Er machte kurz die Augen zu, um sich für ein paar Sekunden als Held und Sieger zu fühlen. Sein Schwanz lag dabei in seiner Hand, immer noch latent am Zucken, aber für die erwähnten Sekunden fühlte sich dieser Zustand tatsächlich an wie ein die Übergabe eines Siegerpokals, irgendwo an einem imaginierten Podest.
Wieder fiel sein Blick auf die Stereoanlage und dann ein paar Zentimeter drunter auf seine spärliche Plattensammlung.
Led Zepplin, Deep Purple, dazu konnte er sich super gut betrinken und die Schulhofszenarien für kurze Zeit vergessen. Auch das Gegacker von Ursels dreizehnjähriger Freundin, die zumindest musikalisch einiges auf dem Kasten hatte.
Von ihr hatte er sich mal eine R.E.M-Platte geliehen. Sie hatte was von College-Radio in Amerika usw. dazu erzählt und geschwärmt, dass R.E.M in ein paar Jahren das große Ding europaweit sein würden.
Ein großes Ding, darauf wartete er schon sein ganzes Leben lang bzw. besser, zwei große Dinger, die er, damit sie ihn nicht erdrückten, vorher in beide Hände nehmen sollte und wollte.
Er hatte aufgehört Pornozeitschriften zu lesen. Es war langweilig geworden und schränkte auf Dauer seine Fantasie ein. Erstens hasste er es, wenn die Putzfrau, die einmal die Woche erschien, sie entdeckte. Und zweitens gab er das Geld inzwischen lieber für LPs aus, da hatte man länger etwas davon und manchmal konnte man damit auftrumpfen zum Beispiel bei der kleinen Freundin seiner Schwester, die „Smoke on the water“ auswendig singen konnte und spätestens bei „and fire in the sky“ zu tanzen begann.
Er hatte begriffen: Keine Physikunterrichtsgespräche vor Frauen, kein Angeben mit der Pornozeitschriften-Sammlung. Da liefen sie immer alle schreiend weg. Diese Strategie war bisher jedes Mal ins Leere gelaufen.
Also deswegen R.E.M. usw, irgendwann eine ordentliche Rasur und Frisur und noch noch viel besser: loskommen von dem fränkischen Dialekt, über den sich alle hier in dem anderen Bundesland lustig machten. Igor überlegte sich anzuziehen und dann blieb er doch liegen, um sich auf das Gekichere aus dem Nebenzimmer zu konzentrieren.
Seine Hausaufgaben waren schon lange erledigt.
Eines Tages würde er wissen, was Girls brauchen.
leuchtend
19. December 2005schon wieder samstag: spaghetti mit oliven und mozzarella
17. December 2005für vier Personen:
500g Spaghetti
50 g Butter
2 Knoblauchzehen, zerdrückt
70 g schwarze Oliven, entsteint und halbiert
3 EL Olivenöl
20 g frische glatte Petersilie, feingehackt
150 g Mazzarella, feingewürfelt
-Die Spaghetti in einem großen Topf mit sprudelndem Salzwasser “al dente” kochen. Abtropfen und wieder in den Topf geben.
-Währenddessen die Butter in einer klienen Pfanne goldbraun zerlassen. Den Knoblauch 1 Minute bei Niedrighitze darin garen.
-Die Pasta, die Oliven, das Olivenöl, die Petersilie und den Käse zugeben und gut mengen.
patchwork
17. December 2005eisblau-flammé
17. December 2005was “auf die augen”
17. December 2005und nochmal was “auf die ohren”
17. December 2005STARSTRICK/STARSTRUCK
16. December 2005www.spiegel.de/panorama/0,1518,390500,00.html
Der Strick-Kick
Von Katja Hofmann, London
Yoga und Prozac sind out: Immer mehr Hollywoodstars greifen zur Stricknadel. Mit der neuen Sucht haben sie längst auch ihre Fans angesteckt. Mittlerweile grassiert das Virus bereits in Großbritannien.
London - Was haben Stars wie Sarah Jessica Parker, Uma Thurman, Julia Roberts, Geri Halliwell, Madonna und Catherine Zeta-Jones gemeinsam? All diese Leinwand-, Mattscheiben- und Pop-Ikonen hängen an der Nadel, der Stricknadel, um genauer zu sein.
Sei es nun am Filmset, vor einer Premiere oder einfach nur so zwischendurch, in Hollywood wird gestrickt, was der Faden hält. Rund um den Sunset Boulevard sprießen Wollläden wie Starbuck-Cafés aus dem Boden. Für die überkoffeinierten Bewohnerinnen von L.A. steht fest: Yoga und Prozac sind out - der Pfad zum inneren Frieden führt (vorbei an den Paparazzi) über die Stricknadel.
Nicht dass es nicht schon früher Strickfans in Hollywood gegeben hätte. In den dreißiger Jahren soll hier der berühmt-berüchtigte “Knitting Circle” sein Unwesen getrieben haben, dem angeblich Greta Garbo, Marlene Dietrich, Joan Crawford und Barbara Standwyck angehörten. Ob in diesem illustren Kreis jedoch wirklich gestrickt wurde, ist zweifelhaft. Den Mitgliedern des vermeintlichen Strickklubs wurde vielmehr nachgesagt, dass es sich hier nicht so sehr um Zwei-Rechts-Eins-Links als um homoerotische Liebe drehte.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Hollywoods vornehmster Strickladen, die Knitterie Parisienne, klingt zwar immer noch recht verführerisch, aber wüste Ausschweifungen braucht hier niemand zu vermuten. Hier wird züchtig gestrickt und was die Sinnlichkeit angeht, ist Cashmere-Wolle der Gipfel der Genüsse. Nicht Erotik, sondern Entspannung steht im Vordergrund.
Mantra ohne Nebenwirkungen
Und dass Stricken tatsächlich entspannt, das hat jetzt auch die Harvard Medical School bestätigt. Ein gewisser Dr. Herbert Benson hat in einer Studie festgestellt: Stricken ist genauso wirksam in der Bekämpfung von Bluthochdruck und Stress wie Yoga. “Die Arbeit mit Wolle beseitigt Stress”, so Benson in seinem Buch “The Relaxation Response”. “Genau wie Meditation oder Beten ermöglicht Stricken die passive Freisetzung abschweifender Gedanken.” Und während Meditation gelegentlich zu Depression führen kann, betont Benson, dass Stricken keinerlei Nebenwirkungen mit sich bringt. “Die rhythmische und monotone Qualität des Strickens, zusammen mit dem Klicken der Stricknadeln, ähnelt einem beruhigenden Mantra. Die Gedanken können lose umher schweifen, während sich der Verstand auf die Strickarbeit konzentriert.”
Da sollen doch die Freudianer unken, was sie wollen. Von wegen Handarbeit sei ein Ausdruck sexueller Frustration - wenn sie mehr stricken würden, hätten sie vielleicht nicht so viele innere Spannungen und würden dann nicht so gemeines Zeug behaupten.
Aber ganz so spannungslindernd scheint das Stricken nun doch nicht zu sein. Mittlerweile ist der Strick-Boom schon über den Atlantik nach London geschwappt. Und wer hier an einem Samstagnachmittag der wahnwitzigen Idee verfällt, die Handarbeitsabteilung des Allerlei-Kaufhauses John Lewis an der Oxford Street aufzusuchen, ist zu bedauern.
Statt wolligem Zen bietet sich einem bei John Lewis der Anblick eines östrogenen Schlachtfelds. Im Gedränge vor den Wollregalen werden ohne Rücksicht auf Verluste die Ellenbogen ausgefahren und Mohair-Knäuel an sich gerissen. Argwöhnische Blicke verfolgen einen, wenn man sich in die meterlangen Kassenschlangen einreiht. Fragen wie “Was hat sie, was ich nicht habe?” oder “Will die blöde Kuh sich etwa vordrängen?” wabern wie giftiger Nebel in der klimatisierten Kaufhausluft - von weiblicher Solidarität keine Spur.
Stricken wie Parker
Die Erbinnen der Kampfstrickerinnen der Siebziger sind sich selbst eben die Nächsten. Hinter dem neuen Strickwahn steht kein politisches Konzept, keine Rückkehr zur Gaia, kein Aufbegehren gegen das Patriarchat durch Rückbesinnung auf urtümliche Weiblichkeit. Nein, keine Angst, die Zeiten, zu denen man sich zum gemeinsamen Menstruieren im Strickkreis unter den Vollmond gesetzt hat, sind endgültig vorbei.
Genau wie beim Yoga geht es der modernen Strickerin nicht um Weltverbesserung, sondern vielmehr um eine narzisstische Steigerung des eigenen Karmapotentials. Weil man ja letztendlich sowieso nichts verändern kann und eine Katastrophe die nächste jagt, erstrickt man sich innere Gelassenheit - nicht um irgendjemandem zu helfen, sondern um selbst so ein sozial und beruflich erfolgreicheres Individuum zu werden. An die Stelle von Utopien sind goldene Kälber wie Sarah Jessica Parker getreten, die es dem in der Wolle gefärbten Fan um jeden Preis nachzuahmen gilt.
Und die Wollindustrie freut sich. John Lewis gab vor kurzem bekannt, dass man in Großbritannien innerhalb einer Woche 93.000 Wollknäuel verkauft habe. Das bedeutet eine Steigerung von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und ja, die Strickwut der Britinnen sei vor allem auf das Vorbild strickender Prominente zurückzuführen, ließ das Kaufhaus verlauten, Stricken sei das neue Yoga. Wie schön. Wenn Ihnen also demnächst im Bioladen vor dem Regal mit dem balsamischen Essig etwas in die Rippen haut, dann ist das keine Gucci-Yogamatte, sondern ein Strickbeutel mit von buddhistischen Mönchen gesponnener Angora-Wolle.




