Archiv der Kategorie 'Schreiben'

zögernd komma liebend

Friday, den 2. December 2005

ich kann dir nichts versprechen,
klebe ich dir als kaugummi
in dein ohr

umarmungen
aus der dunkelkammer
vom letzten abenteuerurlaub
die mich hell belichten haben
werfen lange schatten
an die wand

doch
sei unbesorgt:

jeden morgen mehr
bin ich angewiesen

auf deinen blick der dinge.

lange reihe 88 - ohne paparazzi

Friday, den 2. December 2005

vier wände
ohne mauseloch

rolladen unten
ein weisses laken

deine beruhigende stimme
deine hand auf meiner brust

wörter, die fallen
und die der wind
draussen nicht hören kann

sicher
bin ich
hier zu sein

sicher
und kraule dein haar

sicher
und bewache deinen schlaf

sicher
und schlafe schließlich
traumlos ein.

kinderbuch-test: mit der bitte um kommentare

Thursday, den 1. December 2005

Hier waren sie nun also: Kikeriki, Coco und Pipi und Kaka hockten auf dem Boden zusammen und hackten nach Körnern.
Sie waren- nach Monaten der Arbeit am neuen Stall- schließlich keine Hühner auf der Stange mehr und von der Stange erst recht nicht.
In ihrem Leben würden sie nie mehr in einen Käfig gesteckt werden.
Das Licht glänzte rot in der neuen Halle und wärmte ihre hellen Federn und färbte sie rosa. Wenn sie mal mussten, wie zum Beispiel Pipi und Kaka andauernd, dann trocknete der Fön alles automatisch hinter ihnen weg. Das war wirklich sehr praktisch. Im Stall roch es immer super nach Mais und nach Körnern. So wie die meisten Bauernhöfe schon immer rochen. Seit Jahren und Jahrhunderten.
Manchmal liefen Besucher durch die große Hühnerhalle, ein paar Mal kamen auch Menschen mit Schlitzaugen und gelben Gesichtern vorbei, die trugen oft Fotoapparate um den Bauch, die blitzten.
Das gab immer ein Gegacker sondergleichen. Dann nickten diese Menschen mit ihren gelben Gesichtern im Takt der Bänder, die die Eier immer ins nirgenwo fortrugen und riefen “Shanghaie” oder “ah” und “oh” oder so. Die Leute wurden von den Chefs Japaner oder Japsen genannt.
Aber nach Luft japsen, das mussten hier alle, wenn sie genug Eier legen sollten. Kikeriki, Coco, Pipi und Kaka waren voll Freunde geworden.
Da war es egal, ob sie nun manchmal braune oder weisse Eier legten, sie hielten für immer zusammen wie Pech und schwefelfreier Wein.
Sie hofften auf ewiges Beiandersein und so versuchten Kikeriki, Coco und Pipi und Kaka soviele Eier zu legen wie möglich, doch ab und zu hatten sie auch Angst und dann berührten sich ihre rosa Federn noch enger. Weil: Ganz hinten in der Halle veschwanden regelmäßig ein paar Hühner einfach spur- und namenlos und wurden nie mehr gesehen. Wer soll da noch um die Ecke denken? Die “Verschollenen” wurden dann von den anderen Hühnerkollegen und- Kolleginnen immer als “Suppenhühner” bezeichnet. So begannen Kickeriki, Coco und Pipi und Kaka zu zittern, wenn jemand das Wort “Suppenhuhn” auch nur ganz leise gackerte. Sie hatten es gut hier in dem Stall, die Lampen waren schön warm und der Fön trocknete verlässlich alles hinter ihnen weg und die Bänder rollten den ganzen Tag und die ganze Nacht lang nicht nur mit den Augen und natürlich hatten sie sich, hoffentlich für immer:
Kikeriki, Coco und Pipi und Kaka.

transparent- oder auch: liebeserklärung an ffm

Thursday, den 1. December 2005

dauernd ziehen sie um
in eine weitere stadt
des internationalen heimwehs

wie die vögel im herbst
südwärts im schwarm

.
ich werde bleiben

und ziehe mich damit
langsam aus

karl-marx-buchhandlung-link (ich sage danke- das unvermittelbar-imperium wächst)

Thursday, den 1. December 2005

Dichtung. Text. Textum. Dass Dichten etwas mit der Weberei gemein hat, ist seit der Antike ein Gemeinplatz. Julia Mantel kombiniert auf zauberhafte Art und Weise beides. So verbirgt sich hinter dem Label “Unvermittelbar” nicht nur ihre Kollektion von superchicen Schals, sondern auch ihr literarisches Schaffen. Der Weblog präsentiert neben Persönlich-Anekdotischem, einen Teil ihrer Kollektion, ausgesuchte Gedichte und Prosaminiaturen sowie - man höre und staune - Kochrezepte. Sylvia Plath strickend auf der Couch; während Rolf-Dieter Brinkmann in der Küche nebenan Honig-Mascarpone bereitet. À votre…

www.karl-marx-buchhandlung.de/links/links.html

holunderground

Tuesday, den 22. November 2005

hadayatullah hübsch, einigen sicherlich bekannt durch seine jahrzehntelange schriftstellerische arbeit, nicht nur zum thema der muslime, bringt ein paar mal im jahr ein fanzine raus, das HOLUNDERGROUND heisst.
das nächste heft erscheint im frühjahr und von mir werden einige gedichte dabei sein.

das leben ist wundervoll, wenn immer wieder etwas passiert, das einen freut.
wer hat da noch angst vorm dunklen winter.

Mainzer Literaturtelefon

Saturday, den 29. October 2005

noch bis zum 8. november kann, wer möchte, ein paar meiner gedichte

unter

06131-693944

durch das telefon anhören.

mein heimliches auge

Monday, den 24. October 2005

hurra, hurra, claudia gehrke hat eine softporno-geschichte von mir abgedruckt!
nicht die schlechteste reputation.
ausserdem- und in diesem zusammenhang sehr passend- ist mein doppelbett wieder eingetroffen, ich kann also wieder auf der strickmaschine arbeiten.

ALLES IST ECHT

Thursday, den 29. September 2005

Der Wecker klingelt und niemand kann sich mehr dagegen wehren. Roter Punkt oben, roter Punkt unten. Off and on. Die Zeiger kreisen weiter, ticken verlässlich und rhythmisch. Uns wird nichts geschenkt, draußen kräht der Hahn schon viel zu lange, - Folter für die anderen.
Am Rande der Badewanne lachen mich die Sonderangebote an. Die roten Preisschilder verlieren langsam ihre Farbe: Efeu-Gel für 2, 95 auf der einen Seite, Lipide mit Meersalz, Lipide mit Kokosnussöl auf der anderen Seite, Vitamin E für die straffe Haut, Peeling wegen der abgestorbenen Fetzen, jetzt der Duschkopf über meinem Kopf, der Strahl in meinem Gesicht, meine Hand schützend um meinen Busen.
Der Hahn, der kräht wohl immer noch.
Inzwischen bekleidet gehe ich nach draußen auf den Hof und will eine rauchen.
Im Raucherzimmer treffe ich auf meine Lieblingsverkäuferin, eine Griechin: zweimal geschieden, zwei Söhne und seit geraumer Zeit mit einem türkischen, wenn auch verheirateten Liebhaber gesegnet.
Wir blasen Kringel in die Luft. Sie raucht R1- viel zu leicht für mich.
Ich halte mich an meiner Gauloises fest und höre ihren Geschichten zu.
„Er schläft nicht mehr mit seiner Frau“, sagt sie relativ distanziert zwischen Fleischtheke und Petersilien sortieren, „aber unser Sex wird immer besser. Neulich hatte ich sie am Apparat, aus Versehen. Ob sie etwas ahnt?“
Ich atme erstmal aus.
Da sind sie also die Geschichten auf die niemand eine RTL-Kamera hält. Und ich erfahre sie nun ohne Werbeunterbrechung, irgendwelchen komischen Jingles zwischendurch und Satelittenschüsseln auf dem porösen Dach.
Sie sieht mich fragend an. Ihre schwarzen langen Locken umrahmen ihr stark geschminktes Gesicht. Die 5-Minuten-Pause der Verkäuferin ist zu Ende gegangen. Sie lässt mich mit ihrer Geschichte allein. Ich kann auch schweigen.

Die weiteren Stunden ziehen an diesem nichtsnutzigen Tag vorbei und meine Haare trocken dabei nur langsam. Auf den ausrangierten Traktoren kurz vor dem hofinternen Büro sitzen zwei Kinder und spielen Bauernhof.
Edgar Reitz fällt mir plötzlich ein. Karl mag den so.
Ich spiele nicht. Alles ist echt.

saupe

Thursday, den 29. September 2005

Saupe ging in seiner kleinen Wohnung auf und ab. Gerade hatte er sie gewienert bis ins Detail, alle Stühle hochgestellt, die Teppichflicken an die Seite gerollt, hin- und her geputzt, die Ecken von Spinnweben befreit und anschließend den braunen Inhalt des Eimers in den Gulli auf dem Hof entleert, den Lappen darüber ausgewrungen.
Jetzt glänzten die wenigen Quadratmeter, die er zur Miete wohnte unter den ersten Strahlen des Sonnenuntergangs, die zum kleinen Fenster reinschienen.
Saupe schnaufte. Eines der T-shirts, die er jeden Tag trug, bei Sonne, bei Regen, bei Schnee, zeigte Spuren seines Einsatzes: unter den Achseln färbten sich die Ränder dunkel.
Er war glücklich. Er könnte einen Baum umarmen oder irgendetwas ähnliches.
Von draußen hörte er leise das Gackern der Hühner in den Legebatterien. Über 19.000 waren es insgesamt. Hier hatte es ihn hinverschlagen und es war nicht leicht gewesen, diese Stelle zu finden. Drüben war rein gar nichts zu bekommen.
Seine Frau gehörte zu den Privilegierteren. Sie war Chefin eines Supermarktes in einem Vorort von Leipzig. Für ihn gab es keinen Platz. Als gelernter Schlosser hatte er zu DDR-Zeiten immer Arbeit gehabt. Nach der Wende hatte sich so vieles geändert und ihn und seine T-shirts wollte niemand mehr einstellen.
Saupe schnaufte. Wie die Zeit verging. Jetzt war schon wieder fast Herbst.
In ein paar Monaten würde seine Frau schon wieder Weihnachtsbäume verkaufen,. Am Eingang des Supermarktes würde sie sie platzieren, gleich neben den Einkaufswagen.
Er musste lachen. Dieses Geräusch, wenn sich Wagen in Wagen schob oder wenn man eine Münze oben in die Öffnung steckte, wie es seit ein paar Jahren vorgesehen war und irgendwo dazwischen seine Frau in weissem Kittel mit einer Plakette drangesteckt-die Sicherheitsnadel musste beim Waschen des Kittels immer entfernt werden und seine Frau strich, während der eine Kittel schon in der Waschmaschine trommelte, immer über die „Einstichlöcher“ des zweiten Kittels, damit nichts ausfranste.
Seine Frau. Seine resolute Frau. 27 Jahre waren sie jetzt schon verheiratet und zum Kinderkriegen war keine Zeit gewesen. So kam es ihm zumindest vor.
Er roch an seiner Bettdecke, während die Sonnenstrahlen sich immer dunkelroter färbten.
Seine Frau. Ihr Kittel, so weiß wie diese Bettdecke, an der er gerade roch. Ihr großer Busen voller Sommersprossen. Ihr krauses Haar, das inzwischen von einigen grauen Strähnen durchzogen war. Ihr Gesicht. Zu Hause war sie immer ungeschminkt. Ihre sächsische Sprache. Am Feierabend massierte er oft ihren Rücken oder ihre Füße. Sie war meist müde von der Arbeit und den Jogging-Touren durch den großen Supermarkt. Ihre Stimme war dann oft rauh und man konnte ihren Atem hören. Sie zwei hatten es sich gemütlich gemacht.
Ob er sie anrufen sollte? Was sollte er sagen? Ich komme auch ohne dich zurecht? Mein T-shirt muss gewaschen werden? Ich weiß nicht, was das genau bedeuten soll „sich vermissen.“?
Er zog die Bettdecke noch fester zu sich. Seine Frau hatte eigentlich immer einen Rat parat.
So leicht war sie nicht unterzukriegen.
Wenn sie lachte, und das tat sie immer ziemlich laut, wackelte dabei ihr Busen.
Als sie sich Ende der Sechziger kennenlernten, waren seine Freunde damals neidisch gewesen auf eine Frau mit so großem Busen.
Jetzt hatte sie, wie gesagt, oft Rückenschmerzen.
Sollte er sie anrufen? Die ostdeutsche lange Vorwahl und die drei Zahlen danach konnte er seit Jahrzehnten auswendig. Er würde ihr zu Weihnachten Nudeln mitbringen. Nudeln vom Hof und er könnte dann stolz sagen, dass er sie selber gemacht hätte.
Drei Päckchen Nudeln und ein Glas teure Pesto, das reichte ihm und ihr und damit marschierte er immer im T-shirt rauf und runter im ICE von Frankfurt nach Leipzig. Er war ein schnelles Tempo gewohnt. Er war kein Zögerer. Seine Bewegeungen waren zackig, ohne hastig zu sein, eher schon kernig. Er rauchte F6.
Seit er hier arbeitete, waren seine Oberarme muskulöser geworden.
Das hatte sogar seine Frau bemerkt.